Sonntag, 11. Dezember 2011

Jules - Lucien

Vom Frühstück wäre ihm ohnehin nur schlecht geworden. Jules flüsterte Rion etwas ins Ohr, erhob sich dann und verliess auf wackeligen Beinen das Haus. Da ohnehin keiner auf ihn achtete, fühlte er sich unbeobachtet als er die Strasse entlangschlich. Es roch nach Blut. Bereits nach wenigen hundert Metern erreichte er den Schauplatz des Massakers, das erst vor einigen Stunden statt gefunden hatte. Sofort stieg die Übelkeit in ihm hoch und als er vor seinem toten Bruder stand, dessen Gehirn auf dem staubigen Boden eingetrocknet war, musste Jules würgen, schluckte aber schwer um sich nicht zu übergeben. Langsam ging er auf die Knie und während er der Leiche ins schmerzverzerrte Gesicht starrte, füllten seine Augen sich mit Tränen. Das Bild seines ermordeten älteren Bruders Lucien verschwamm, ertrank in salziger Flüssigkeit und wurde langsam ersetzt durch Erinnerungen an vergangene Tage. Doch so gerne sich Jules eingeredet hätte, sein Bruder wäre zu Lebzeiten liebevoll zu ihm gewesen, wusste er dennoch, dass der Kerl ein mieses Arschloch gewesen war, der ihn täglich schikaniert und geschlagen hatte. Lucien hatte seinen kleinen Bruder stets für seine empfindsame Seele und seine sanfte Art verachtet und als er ihn das erste Mal dabei erwischte wie er einen anderen Jungen küsste, hatte er Jules für seine widerlichen Neigungen so windelweich geprügelt, dass dieser erst zwei Tage später im Krankenhaus wieder zu sich kam.

Der Blonde hielt die Leiche seines Bruders nun im Arm, die Tränen rannen ihm das Gesicht hinab, doch er gab kein Geräusch von sich. Schweigend stemmte er sich hoch und hievte den schweren, toten Körper vom Boden und lud ihn sich mühsam auf den Rücken. Ächzend und schnaufend schleppte er die Leiche mit dem aufgeplatzten Schädel die Strasse entlang, bis er ein grösseres Haus erreichte, hinter dem sich ein Garten befand. Jules warf den Toten dort ins verdorrte Gras, wischte sich mit dem Handrücken den Schweiss von der Stirn und lief dann zum Geräteschuppen, der auf dem Grundstück stand hinüber. Das Schloss war aufgebrochen, doch er fand darin, was er benötigte. Während er ein Grab für seinen Bruder, der ihn nie geliebt hatte aushob, summte er französische Kinderlieder vor sich her.

Dienstag, 13. September 2011

Kya - Ruhig und brav!

Er war unglaublich müde und es war ihm kalt, sowie es zu solchen Nächten gehörte, wenn man an der bloßen Wand und ohne Decke einschlief. Das Beste daran waren noch seine Schmerzen, nicht so schlimm, dass man sich nicht mehr beherrschte und nicht ignorierbar schwach. Es war so verdammt kalt und Kyas Körper fühlte sich wie ein Klumpen Hackfleisch und Kya konnte an nichts anderes außer Kälte und Müdigkeit denken, das war das Beste daran. Hätte er nun angefangen, kyanouschmäßig nachzudenken, wäre es definitiv tödlich, für ihn und für mindestens noch eine Person. Es war ihm, als erfror die eisige Nacht alles in ihm: die Wut, die Frustration, die Einsamkeit, die Schmerzen und die Müdigkeit. Die Kälte und die Müdigkeit ließen ihn dann keine andere Wahl, seine Augenlider fielen auf einander und er schlief ein.
Traumlos schlief er, bis irgendwas an seinem Arm zupfte und die Schmerzen ihn weckten. Der mürrische Blick, den er dem rötlichen Wesen an seinem Arm schickte, war dank der Müdigkeit nicht wirklich tödlich. Die Fremde hatte er an Zigs Couch gesehen, erinnerte sich Kya wage, und nun hatte sich die hübsche Rotschopf an seinen Arm herangewagt, sie nähte ihn zusammen. Wortlos schaute Kya den Prozess zu. Sie wurde ihrer Sache gerecht, also konnte Kya auf das Mädchen nicht wirklich böse werden. Sobald sie fertig war jedoch, schloss er die Augen wieder und schlief ein.
Es fühlte sich, als wäre er paar kurze Sekunden weg gewesen, als er mit einem lieben Ellenbogenstoß geweckt wurde. Bevor er aber denken oder sehen konnte, was oder wer, steckte man den guten Joint in seinen Mund. Tief zog er daran und ließ den Rauch seine Magie wirken, als ein flauschiger Spaghettikopf auf seinen Schulter fiel. Zufrieden grinste er. Es war ein Wunder, wie Zig aufgestanden und auf eigene Beine gegangen war, doch Kya war gläubig genug, um ein Wunder nicht zu hinterfragen, solange dies zu seinen Gunsten war. Es war gut, dass sie nicht reden mussten. Ihre Müdigkeit schien den Rausch des Grases gerade zu verstärken, was noch besser war. Kya wollte kein Wort über die Ereignisse des gestrigen Tages sprechen, weder wollte er darüber hören, er konzentrierte sich also auf den Morgen, auf den Joint und auf Ziggy. Zu seiner Danksagung antwortete er – natürlich gefälscht – gekränkt, „ Hey das war mein gutes Notfallgras!“
Dass Ziggy kein Frühstück machen wollte, gefiel dem Loren sehr. Bisher hatte er sich noch nie verweigert, Essen zu machen. Nun aber saßen sie zu zweit an der Wand und Ziggy schob die Verantwortung des Frühstückes auf andere. Kya grinste wage. Nichts-tun fühlte sich in dem Moment sogar richtiger an als Frühstück. An seinem Grinsen aber war etwas anders, es war kein dummes, energetisches, teilweise kindisches Grinsen von Kyas 'guten Tagen', sondern viel mehr die durchdachte Freude bzw. Zufriedenheit nach einem Vergnügen, demonstriert durch geschickt leichtes Heben der beiden Mundwinkel. Er passte zu dem Ausdruck in seinen Augen, der seit der Nacht immer noch zu reif war und ihn viel älter erscheinen ließ.
Er war gerade damit beschäftigt, den Franzosen durch Augenkontakt auseinander zu zerfetzen, als Ziggy sich zu einer Promenade aufmachte. Wie könnte Rion nur?!
Mit seinem Kumpel im Nebel rauchen gehen, war definitiv eine gute Alternative, wenn sie nicht die Eingeweide des Franzosen zum Frühstück haben wollten. Wortlos folgte Kya also Zig, dessen Geschwindigkeit ihn doch erstaunte. Mit der Ruhe und der Zufriedenheit eines alten Mannes stopfte er seine Pfeife, während er nun mitsamt seines Kumpels in den Nebel verschwand. Es gab einen Kya in ihm, der über das Wort 'Kumpel' schmunzelte, just bevor der andere Kya ihn dafür zerschlagen konnte.
Weinberge!, wiederholte sich fröhlich in seinem Kopf.

Sonntag, 21. August 2011

Francis - Frühstück

Klar brauchte er Stoff. Sein bester Freund war immer schon so gewesen. Zumindest seit Francis ihn kannte und das zählte nunmal einiges, denn nach der "Apokalypse" hatten alle irgendwie wieder bei Null angefangen. Familie und Freunde waren meist tot und so musste man als neuer Mensch auferstehen, sich wie Phönix aus der Asche erheben und dann zusehen, dass man sich neue Freunde und eine neue Identität suchte um wieder so eine Art Leben führen zu können. Zig Zag war eben ein Kiffer und das hatte Francis auch nie gestört. Es war so völlig natürlich, dass es ihm jetzt dreckig ging und er erstmal eine rauchen musste.

Trotzdem wurmte den Amerikaner irgendetwas, aber wenn er sich bemühte, das nagende Gefühl in seiner Bauchgegend zu definieren, machte es sich rar und war kaum mehr greifbar. Daher beschloss er, es als Magenknurren abzutun und sich an's Frühstück zu machen. Wärhend Zig Zag mit Kya, ihrem neusten Gruppenmitglied (wenn man mal von den komischen zwei Gestalten absah, die plötzlich auch zu ihnen zu gehören schienen) nach draussen verschwand, um sich wieder ein bisschen lebenswichtigen Nebel in's Hirn zu pusten, durchwühlte Francis die Essensvorräte und zerbrach sich den Kopf darüber, was er daraus essbares zaubern könnte. Dabei fiel ihm auf, dass er noch nie wirklich gekocht hatte. Irgendwie hatten das immer andere für ihn erledigt und er hatte sich so 100%-ig darauf verlassen, dass ihm diese rohen Zutaten ziemlich bedrohlich vorkamen, wie sie ihn so anstarrten und ihn herausforderten, etwas Leckeres aus ihnen zuzubereiten.

Vollkornbrot aus der Dose, Orangenmarmelade, eine angesägte Stange Salami, eine Dose Pfirsiche, Instant Capuccino Pulver. Während er Wasser erhitzte, beschmierte er liebevoll Brote mit der Marmelade oder legte dicke Scheiben Salami darauf. Wenig später standen genug bunte Partypappteller mit Broten und ein wenig Obst auf dem Boden und neben jedem Teller noch eine Tasse dampfender Capuccino. Francis war so stolz auf sein Werk, dass er den Kopf hob und fröhlich alle zum frühstücken animieren wollte. Sein Blick fiel dabei auf Rion, der das Schauspiel offenbar sehr skeptisch beobachtet hatte und sich dabei ausserdem von seinem neuen Lover ablenken liess. Francis' Wangen färbten sich dunkelrot, vermutlich vor Scham.

Schweigend kaute er auf seinem Stück Brot herum, bis sein Blick auf den Rotschopf fiel, der Zig Zag so professionell verarztet hatte. "Und wer bist du?" fragte er zwischen zwei Bissen und zuckte merklich überrascht zusammen als die rothaarige Schönheit ihn mit tiefer Männerstimme verriert, dass "sie" Max hiess und von Rion gerettet wurde. "So, so.." wandte er sich mit einem neckischen Tonfall in der Stimme an den Briten, "Find ich richtig gut von dir.". Kya und Zig Zag standen vermutlich noch draussen und rauchten ihren Joint auf. Glücklicherweise konnte das karge Frühstück, das Francis da bereitet hatte nicht kalt werden. "Wir ziehen nachher weiter würde ich sagen. Ich glaube kaum, dass es hier noch viel zu holen gibt."

Freitag, 5. August 2011

Zig-Zag - Sunshine

Unglaublich erschöpft wie er war, konnte er kaum wahrnehmen, wie all seine Freunde um ihn herum sich sorgten und ihn umschwirrten. Es war alles unglaublich mühselig, anstrengend und er wollte nur noch schlafen, die Augen schliessen und vergessen.

Wenn er um sich blickte, waren nur weite, goldene Felder in seiner Sicht. Er breitete die Arme aus, der warme Wind umflatterte sein Hemd. Die Augen schliessend atmete er die herrliche Luft der Heimat ein. Stechende Sonne, seine Haut versengend. Er liess sich fallen, nach hinten. Die Sicherheit umklammerte seinen Leib und er fiel weich in die glühenden Felder hinab, umgarnt und umarmt von den Ären, die golden waren wie sein Haar. Die untergehende Sonne verbrannte seine dunkle Haut und er lachte aus vollem Herzen jener Liebsten entgegen. Das Bellen seines geliebten Kleinen schellte durch seine Ohren, der Hund sprang ihn an und leckte ihm kreuz und quer übers Gesicht. Er umarmte den Köter, wälzte sich durch das Gestrüpp. Knüpfte sein Hemd auf, denn es war unendlich heiss. Mit halb nacktem Oberkörper erhob er sich und blickte dem Abendlicht entgegen. Ein Schaf war ausgerissen, der Zaun war zerstört. Mit seinem Werkzeug und seinem liebsten Begleiter machte er sich auf, ihn zu reparieren, sonst würde Vater wieder schreien. Wie ein kleines Kind stürmte er durchs Feld, ohne zu stolpern und sprang dem Abendrot entgegen. "YAY!"

Ziggy schwitzte im Schlaf. Er hatte Fieber.

Die Schwüle des neuen Landes machte ihn benebelt. Die schönen Frauen raubten ihm die Sinne. Die wunderherrlichen Negerinnen und die Einheimischen, die Haut hatten wie pures Karamell. Er band sich ein Tuch um die Stirn. Ihm war nun ein Schnurrbart gewachsen. Er fühlte sich unglaublich stark und männlich, wie er durch die Strassen spazierte, völlig betrunken mit seinen Freunden. Er war nun Pirat. Ein richtiger Smutje. Jede Frau gehörte ihm. Und die Welt gehörte ihm. Der Geschmack und Geruch von Salz klebte in seinen Haaren und seiner Haut. In seinen Lippen klebte eine Zigarre. Da sah er sie. Durch eine Gasse flitzen. Sie hatte wunderschönes, verfilztes Haar und Augen schwarz wie Teer. Ihre Kleider waren Fetzen. Sie hatte den Anschein einer Göttin im Kleid einer Hexe. Er blieb stehen. Und sein Herz zuckte, zog sich zusammen wie zu Krampf. "Alter, was los?" Doch er antwortete er nicht. Er musste rennen. Er musste IHR nachrennen!

In den frühen Morgenstunden zuckten seine Augenlider wie vorbeizischende Rennwagen. Er musste ihm Schlaf würgen und seine Wunden brannten sich bis in seine Träume hindurch.

"WARTE!" Und wie er rannte, so war er noch nie gerannt. Liebste, oh Liebste, renn nicht vor mir weg! Doch in seinem Traum rannte er immer weiter, durch das Dickicht der Pflanzen, hindurch durch das Grün und Schwarz, bis nichts mehr war. Und er war ganz allein. Niemand war mehr da. Sie war nicht mehr da. Und er sank zu Boden. Und nichts war dort mehr, nichts. Ganz alleine war er nun. Umgeben von unglaublicher Schwärze.

Schreiend erwachte er. Hielt sich den Hals. Ihm war, als müsste er spuckte. Tränen stiegen in seinen Augen auf. Zitternd griff er in seine Tasche, doch dort waren nur Krümel. Er fiel von seinem Bett auf den Boden. Suchte nach Stoff. Seine Augen waren Rot und er hustete stark.
Er fand den Joint, den Kya liebevoll neben seinem Kopfkissen platziert hatte und zündete ihn gleich an, nahm einen tiefen Zug. Seine Augen voller Tränen. Es war noch dunkel. Kya schlief an der Wand und Francis war nicht zugegen. Ziggy schloss die Augen. Zog tief ein. Mit seinen vermeidlich noch übrig gebliebenen Kräften liess er sich neben dem Loren nieder und weckte ihn mit einem Ellbogenstoss, drückte ihm dann den Joint zwischen die Lippen. Unglaublich müde, wie er war, lehnte er den Kopf an Kyas Schulter. So sassen sie nur da und rauchten den Joint, bis nichts mehr übrig war. Die Sonne ging auf. Der Raum füllte sich mit Menschen.
Er bekam kaum etwas mit. Alles schmerzte. Er wischte sich die Tränen weg.
"Danke. Wenn ich nichts zu rauchen hätte, würd' ich durchdrehen. Was auch immer das für Kraut ist..", hauchte er Kya ins Ohr und musste lachen.
Schließlich betraten Rion und der Franzose den Schauplatz des Geschehenes. Rion hielt die Hand des Blonden. Ziggys Augen verengten sich für einen Moment, doch dann liess er den Blick wieder sinken und schloss die Augen, immer noch an Kya gelehnt.
"Frühstück..? Sicher... macht es euch selber. Ich hab' heute keinen Bock."
Mit diesen Worten stand er mehr schwankend als gefestigt auf, hielt sich kurz an der Wand und blickte zu dem kleinen Loren herunter.
"Ich geh' um den Block. Kommste mit? Ich brauch frische Luft..."
Mit diesen Worten verliess er den Raum.
Draußen hatte der Nebel sie erschlagen. Wie scheusslich. Um diese Jahreszeit gab es nie Nebel. Doch die Welt mochte schon so unglaublich zerstört sein, dass es im Hochsommer Nebel gab. Die Landschaft jedoch unglaublich schön. Weinberge umgeben von dichtem, nassem Grau. Aus der anderen Tasche zog sich Ziggy eine normale Zigarette heraus und stecke sie an. Tief in seinem Gesicht hingen seine Haarsträhnen. Schwankend begab er sich in den Nebel. Mochte er ihn doch verschlingen....

Donnerstag, 4. August 2011

Jules - Cheri

Hechelnd und schweissüberströmt legte er sich ins knisternde Heu nieder, schlang die Arme um den zitternden, erhitzten Körper seines Liebhabers und drückte ihn eng an sich. Ihre Haut klebte aneinander, alles roch Sperma und ihre gleichmässiger werdenen Atmenzüge war das einzige Geräusch, das die Stille der Nacht durchbrach. Jules überlief ein wohliger Schauer und er hauchte Rion feuchte Küsse in den Nacken. Der Biss, den er vom Liebeskampf davon getragen hatte pochte angenehm. Wie üblich überkam den jungen Franzosen schleichend ein unerwünschtes Schamgefühl doch war der Tag nur allzu anstrengend gewesen und Jules fühlte sich wie erschlagen. Seine Muskeln entspannten sich und er lockerte die Umarmung als er zufrieden einschlief.

Als er die Augen aufschlug hatte Rion seinen mageren, weissen Leib wieder unter seinen übergrossen schwarzen Klamotten versteckt. Verschlafen räkelte Jules sich im Heu und blinzelte den anderen unschuldig an, als der auf ihn aufmerksam wurde. Da er keine grosse Lust hatte, den Rest der merkwürdigen Gruppe wieder zu sehen liess er sich mit dem Anziehen viel Zeit und trödelte so lange lustlos herum, bis der Dunkelhaarige ungeduldig wurde, Jules am Handgelenk packte und hinter sich her zog. Dieser zierte sich zwar noch, freute sich aber insgeheim über den neuen Spielgefährten.

Allerdings blieben ihm diese Glücksgefühle im Halse stecken und die aufkommenden Schmetterlinge im Bauch verwandelten sich in Steine, die ihm Magenschmerzen verursachten als er in das Haus eintrat, dass die jungen Männer bewohnten, die Gestern seinen Bruder und dazu sämtliche Menschen, zu denen er noch irgendeinen Bezug gehabt hatte, brutal hingerichtet hatten. Scheu stand er in der Tür während Rion durchaus mutiger war und sich nach dem Zustand des auf dem Sofa liegenden riesigen Kerls erkundigte, den Jules auch nur zu gut in Erinnerung hatte. Unbewusst starrte er Zig Zag an und seine Wangen röteten sich vor Scham. Nervös blickte er sich weiter im Raum um. Neben dem Sofa sass dieser Kerl mit den dunklen Locken und machte einen übernächtigten und etwas mürrischen Eindruck. In einer Ecke kniete der Rotschopf, der Gestern noch sein Gefangener gewesen war, redete besänftigend auf den furchteinflösenden Jungen mit den wilden Augen ein und wickelte ihm einen dicken Verband um den rechten Unterarm, was der andere nur widerwillig geschehen liess. Da hob der Lockenkopf, der hier offenbar sehr viel zu sagen hatte das Kinn an und richtete seinen Blick auf Jules. "Frühstück? Können wir glaub ich grad alle brauchen..". Rion stand inzwischen wieder neben seinem neuen Freund. Obwohl das eindeutig eine Einladung zu sein schien tasteten sich die Finger des Blonden hilfesuchend zu Rions Hand vor und umklammerten diese.

Mittwoch, 27. Juli 2011

Rion - Satisfaction

Mit dem Rücken im Stroh liegend schloss er für kurz die Augen. Der Geruch des Heus war allgegenwärtig. Die einbrechende Nacht war kühl, es fröstelte ihn, so zog er den anderen eng an sich. Er vergrub das Gesicht an der starken Schulter.

Wohin würden seine Schritte ihn nur führen..
Lange Zeit war es her, da hatte seine Reise her, unendliche Weiten von Zeit lagen hinter ihm.. kaum konnte er sich erinnern, wie damals sein Weg ihn fortgeführt hatte, aus dem heiligen, sicheren Heim. Er rannte, rannte ewig, ohne das Zeil zu kennen, ohne es auch nur erahnen zu können. Auf der Flucht vor sich selbst, vor der brutalen Macht des Krieges schritt er durch Blutlachen, über die zerstückelten Leichen seiner Freunde, seiner Familie, der Menschen, die er einst liebte.

Rion schlang die Beine um den Leib des Anderen, küsste ihn, zog ihm das Hemd aus. Zog sich selbst den Pullover vom Leib. Mager war er und bleib, rein wie Schnee seine Haut. Seine Haut berührte die des Franzosen. Er presste sich an ihn, vergrub die Hand in den blonden Haaren und stöhnte ihm leis' ins Ohr. Ihm war warm und seine Wangen waren rosig, die Farbe von jungen, gerade aufgegangenen Blüten. Seinen Ständer presste er gegen den Schritt des Anderen.

Blut. Verderben. Zerstörte Leibe in den Sand gedrückt, Gras besudelt mit roter, klebriger Soße. Der Geruch von Schiesspulver in der Nase. Rennen, unendliches Rennen, davonrennen, überleben. Sag mir, dass du mich liebst, bevor du vor meinen Augen sterben könntest. Das Leben ist zu kurz, um an etwas festzuhalten. Wir alle sind Gefangene unserer selbst, wir alle sind so zerbrechlich, so sterblich.

Ihm war zum weinen zu Mute. Eigentlich. Trauer und Einsamkeit zerrissen sein Herz. Er wollte sich nicht fremden Männern an den Hals werfen, doch diese unendliche Tristesse in ihm war unstillbar und nicht zu besiegen, er wollte sie nur endlich verstummen lassen und seinen kläglichen Kummer und die Sehnsucht stillen. Tränen rannen aus seinen geschlossen Augen sein Gesicht herunter. Nackt lagen sie nun da und er strich über Jules' Nacken, durch sein schönes, blondes Haar. Verloren in diesem Gold liess er schliesslich los.
"Lass mich nichts mehr denken.."

Wie auf einem Tassenkarussel, dass sich zu schnell dreht.

Er spürte ihn in sich und schrie auf. Er presste ihn an sich, so fest er konnte, er rammte ihm die Fingernägel in den Rücken und biss ihm in die Schulter. Schmerzen, unendliche, widerwärtige, mit Lust getränkte Schmerzen, als sich die Hüften des Stärkeren anfingen zu bewegen. Jeder Stoss war wie eine Kugel in sein Hirn. Rion schmiss den Kopf zurück und verdrehte die Augen. Kein Gedanke mehr. Nichts mehr. Zitternd stöhnend, hoch gerötet, Schweiss, der seinen Körper hinaus in das stechende Heu floss. Fiel zu schnell kam er mit einem kurzen Aufschrei, als das warme Gift in ihn schoss. Den Nacken durchstreckend ergab er sich dem Moment. Liess sich hinuntersinken und hechelte nach Luft. Als sie sich lösten, rann das Blut in einem Rinnsal aus ihm heraus. Er schloss die Augen. Lächelnd drehte er sich auf die Seite.
"embrasse-moi.. j'ai froid.."
Leich zitternd rollte er sich zusammen, spürte warme Arme sich um ihn schlingen. Er schluchzte leise auf. Was konnte er eigentlich mehr verlangen..?

Dienstag, 26. Juli 2011

Kyanousch - Slow Motion

Der Blutgeruch hier in dem Haus wurde langsam unerträglich, er stieg Kya immer schamloser in die Nase. Es wurde dem Jungen langsam schwindelig, doch er blieb auf der Sofa sitzen. Kurz schloss er die Augen, um sich ein wenig auszuruhen, doch sein Kopfkino war bei weitem erschöpfender als das ruhige, stählern stille, stickige Wohnzimmer. Also machte er die Augen wieder auf und starrte die Tüte in seine Hand an. Der Ausdruck in seinen Augen war ganz anders als sonst. Es war nicht wie sonst, wenn er sich ganz anderswo befand. Man konnte sogar meinen, dass er sich zu tief in den Moment gesunken hatte. Zum ersten Mal vielleicht passte sein Gesichtsausdruck der Realität der Geschehen ganz.
Trotzdem bekam er Zigs Erwachen nicht richtig mit. Erst als der stechende Geruch des Erbrechens durch seine Nase bohrte, konnte er sehen, wie sein Dornröschen doch die Augen aufgemacht hatte und ihn liebevoll von sich weg schimpfte. Doch Kyanousch war ruhig, extrem ruhig. Vorsichtig legte er den Joint auf dem kleinen Abstelltisch neben der Sofa, ließ Francis zuerst an Ziggy heran und half dann dem Führer Adrenalins, ZigZag vom Boden zu holen und wieder auf die Sofa zu legen. Er vertraute diesen Leuten noch nicht ganz. Nachts schlief er sogar immer nur halb, damit er schnell aufwachen konnte, sollten sie ihm was antun wollen und er hatte auch für sich noch nicht beschlossen, dass er nun zu diesem kindisch bescheuerten Adrenalin gehörte. Und dennoch tat es tief im Innern weh, zu wissen, dass er nun beiseite stehen und nur zusehen musste, wie Francis mit Ziggy sprach und ihn beruhigte. Zu wissen, dass in dem Moment nur Francis als Freund bezeichnet wurde und er bloß ein verflixter Fremder war, tat irgendwie weh. Er wollte gerne Zig von seinem Kotze holen – da er am nächsten zu ihm saß, er wollte seinen Kopf in den Händen halten, ihn schelmisch angrinsen, zurück fluchen, den Joint anzünden und dem Grünkopf einen innigen Zug schenken. Aber warum sollte er etwas so dämliches wollen? Warum sollte er vortäuschen wollen, als wäre Zig sein Freund, während er ganz gut wusste, dass es nur Francis und Zig gab und keinen anderen?! 'Dämliche Träume, Kyanousch!', sagte er sich selbst und schüttelte gedanklich den Kopf.
Nun erschien wieder die rothaarige Figur und reichte Francis das feuchte Tuch. 'Hatten sie hier Wasser? Das könnte verdammt nützlich werden...', sein Kopf drehte schon wieder automatisch Richtung Überleben. Einen schweigsamen Blick warf er noch den beiden zu, dieses Mal etwas länger, als würde er überprüfen, ob noch was von Noten war, was er machen konnte. Kurz kreuzten sich sein Blick und der von Francis, der wieder sich und die Lage im Griff zu haben schien.
Kya sah ruhig aus aber viel mehr sah er plötzlich reif aus, reif und alt, viel älter als ein 17 jähriger Teenie. Nun ging er zu dem Abstelltisch, holte die Tüte, zündete diese an, ließ die rauchende Tüte wortlos in Francis' Hand und ging zu einem Fenster. Es stank in diesem Wohnzimmer einfach zu sehr. Also öffnete er dieses und Blickte kurz in die Nacht. Eine unheimliche Reife strahlte in seinen Augen, eine vielleicht beängstigende Reife sogar. Er schien wie ein Wanderer, der alle Nächte dieser Erde durchgewandert war, um heute hier zu sein. Das Fenster schloss er nun wieder, bevor es in dem Haus zu kalt wurde. Am Fenster ließ er sich dann nieder.
Dieser Bastarde Jules und Rion waren fort, musste er merken. Doch er war zu müde, um irgendwelche gedankliche Reaktion darauf zu haben. Er hatte zu viel Blut verloren, um immer noch energetisch in die Gegend zu laufen und diesen Briten darüber zu predigen, was es hieß, einer Gruppe anzugehören; eine Gruppe, der er selber angeblich noch nicht wirklich gehörte.
Das blutige Uniformhemd zog er aus. Auch wenn die Nächte kalt waren, wollte er keinen verfluchten Soldatenscheiß anhaben. Die Kelasch umklammernd legte er sich dann hin und schloss die Augen, er war müde; müde vom Wegrennen, müde von Soldaten, müde vom Töten.

Dienstag, 19. Juli 2011

Jules - kiss

Sein Vater, der alte Patriot hätte ihn hierfür sicherlich windelweich geprügelt. Jules amüsierte der Gedanke, dass sein älterer Bruder, der nun auf der Strasse verrottete so sehr nach ihrem alten Herrn kam.

Ein zufriedenes Lächeln umspielte seine Lippen, als er sah wie sich sein Beute ergeben im Heu niederlegte. Das zarte Wesen streckte die dünnen Beine von sich und in seinen Augen wurde Hoffnungslosigkeit und Scham allmählich von aufblitzender Gier verdrängt. Jules hatte nichts mehr zu verlieren und so wollte er wenigstens den armen, kleinen untervögelten Jungen noch einmal richtig flach legen, bevor er von dieser Welt schied.

Völlig uneigennützig also schob er seinen eigenen bereits erhitzten Körper an den Fremden heran, liess sich packen und küssen und ergab sich einen Moment lang völlig. Als Rion sich auf ihn setzte und im fahlen Mondlicht seine Augen kurz aufblitzten wurde Jules klar, dass er das Spielchen hier so lange hinauszögern durfte, wie er nur wollte. Ihm war nach spielen zumute.

Seine Hände glitten automatisch unter den Pullover des anderen und tasteten sich an der kühlen, weichen Haut voran als hätten sie noch nie einen anderen Mann berührt. Jules richtete sich auf, drängte Rion dabei zurück und begte sich schliesslich über ihn, als dieser im Heu lag. Immer noch lächelte er - und diesmal viel sanfter - als er dem Braunhaarigen einen Kuss aufzwang, ihm die Zunge stürmisch in den Rachen schob, mit den Fingerspitzen seinen Bauch entlang strich, die verstehenden Rippen entlang fuhr und dann mit den steifen Brustwarzen zu spielen begann.

Der Rest der Welt wurde völlig unwichtig und Jules einziger Lebenssinn bestand nur noch daraus, diesem Jungen hier das Hirn rauszuficken. Er wollte den Kleinen so sehr befriedigen, dass dieser keinen einzigen verdrehten negativen Gedanken mehr im Kopf behalten konnte. Zumindest für den berauschenden Moment, den einem ein Orgasmus schenken konnte.

Rion - Giggling

Rion erschauderte es. Er war nicht der Typ, der einfach mit fremden Männern mitging. Noch ein Mal kamen ihm ziemlich wirr und unerklärbar die Tränen und er schluchzte in den Kragen seines Pullovers hinein. Wischte sich dann die Tränchen wieder ab, schluckte und stierte die Tür an, durch die Jules verschwunden war.
Mutter, was würdest du von mir halten, wenn du wüsstest, dass ich einfach so Männern folge, die ich kaum kenne? Kaum kenne ich seinen Namen, noch, was für ein Mensch es ist - und es ist absehbar, wenn ich ihm hinterherschreite, so wird genau das geschehen, was ich denke. Es ist dreckig, es ist widerlich, sich so sehr danach zu sehnen, nicht?

Der Mond war nun in seiner vollen Pracht aufgegangen. Es war Vollmond. Und er schien auf die leeren, zerstören Häuser des Dorfes hernieder, hüllte alles in seinen prachtvollen, kalten Glanz. Keine Wolken, nur unendliche Kälte umhüllte ihn. Es fröstelte ihn. Sein dünner Leib bebte. Der Brite erhob sich, torkelte fast schon trunken hinein in das Nebengebäude, das dunkel und leer schien. Vor der Tür blieb er stehen. Schloss die Augen, atmete tief durch. Er fühlte sich so einsam, so unendlich einsam und leer. Er konnte nicht anders, die Tränen wollten nicht aufhören, er wollte schon wieder weinen. Schluchzend betrat er den Raum. Es schien eine Art Scheune zu sein. Unbenutzt, es roch nicht nach Tier. Heu war dort aufgebahrt, überall. Die fahlen Strahlen des Mondes erhellten den Raum kaum. Rion liess sich nieder. Auf einem Platz, der noch halb beschienen war, in dem er sich halb sicher, halb wohl, halb im Schatten fühlte. Aus einem der zerschlagenen Fenster konnte er nach draußen blicken und die Sterne sehen. Da hörte er ihn. Der Blonde kroch wohl zu ihm. Rions Brust bebte. Was tat er hier nur? Ihm war kalt und heiss zugleich. Er wusste ja, warum er hier war und was geschehen würde. Und er war unendlich aufgeregt. Er würde doch nie im Leben in dieser Situation einen hochkriegen. Scheisse, scheisse!

Vor langer Zeit, als er das erste Mal verliebt war, da wollte er unbedingt vermeiden, angefasst zu werden. So unendlich dreckig fühlte er sich, nicht wert, richtig geliebt zu werden. Der Dreck würde niemals mehr von ihm gehen, er würde niemals mehr reingewaschen werden. Jetzt war es noch schlimmer. Jetzt war er selbst dieser Dreck. Hinabgestiegen in den Morast der Sünde lag er nun da, gebettet auf Heu und der Blonde bückte sich über ihn. Und Rion heulte einfach nur wie ein blödes, kleines Kind. Und gleichzeitig stieg die Hitze in ihm hoch. Er konnte es gar nicht verhindern. Seit einiger Zeit konnte er nicht mehr so klar denken, irgendetwas in ihm schien die Kontrolle über ihn zu übernehmen. Aber es war nicht nur pure, dumme Geilheit. Rion sah dem Blonden in die schönen, klaren, blauen Augen, beleuchtet vom Mondschein, der sich spiegelte wie Funken, strahlend und hell. Sehnsucht. Einsamkeit.

Gott im Himmel, vergib mir.

Er streckte die Arme nach ihm aus, zog den Fremden zu sich. Und küsste ihn. Ihre Lippen trafen sich für einen Moment. Und es war kurz. Und scheu. Und Rion wich auch gleich wieder zurück. Was tat er hier? Er wusste es nicht. Dieser Kerl hier, sich über ihn beugend, würde vermutlich bald verrecken, so wie die anderen Fliegen, die zertreten und zermatscht am Boden ihre Flügel kaum noch rühren konnten. Rion schnaufte. Dann packte er ihn im Nacken und presste ihm erneut die Lippen auf den Mund. Gierig nach Liebe, Zärtlichkeit, Berührung. Er küsste ihn fast schon übermütig, presste ihm seinen Oberkörper entgegen. Schloss die Augen. Dabei hob sich sein Rücken an. Und mit den Schenkeln umklammerte er Jules Becken. Nach einigen Sekunden löste er sich von dem Franzosen, leckte ihm über die Lippen. Durch halb geöffnete Augen sah er ihn an. Sein eigenes Herz schlug wild.

"C'est n'est pas... c'est... ach.. damn... du wirst es bereuen, mich zu ficken.."

Er krallte sich mit den Fingern in die blonden Haare und drückte Jules herunter ins Heu, rollte sich auf ihn und setzte sich auf ihn, sah von oben auf ihn hinab. Auf Rions Gesicht zeichnete sich ein leichtes Lächeln ab. Er zitterte. Er presste seinen Unterleib gegen den des Anderen, keuchte leise auf und liess die Augenlider halb sinken dabei.

"Je préfére blondes.." Bei diesem Satz musste er unweigerlich ein wenig.. kichern.

Jules - Allons

Muttersprache. Eigenartig wie viel es einem bedeuten konnte, wenn einer Worte sprach, die einem vertraut waren. Jules Herz wollte vor Freude zwischen seinen Rippen hervospringen, doch hielt der Junge sich zurück und räusperte sich vornehm. Ziemlich lächerliche Aktion wenn man bedachte, dass er sein Gegenüber peinlich genau musterte und sein Blick dabei genau da kleben blieb wo Rion dem Franzosen ebenso hinstarrte.

Der Blonde antwortete pflichtbewusst: "Je suis Jules..", betrachtete dabei aber weiter unverschämt den mageren Körper des Briten. Obwohl an dem Jungen nicht viel dran war und man jeden Knochen einzeln abzählen konnte, schien er Jules zu gefallen. Gerade weil der andere so zerbrechlich aussah und dennoch so barsch daherreden konnte erregte er sein Interesse.

Völliger Schwachsinn! Dass Rion ihm auf den Schwanz starrte konnte der Franzose nur zu genau fühlen und um das zu bemerken, hätte er nicht einmal zwei gesunde Augen gebraucht. Wie abartig es auch sein mochte: beide dachten an Sex. Der Junge sog scharf die Luft sein, so dass seine Nasenflügel bebten. Dann stiess er sich von der Wand ab, streckte den muskulösen Rücken durch und marschierte auf das Nachbargebäude los, an dem die Eingangstür nur lose in den Angeln hing. Er wandte sich nicht nach Rion um. Wenn der wollte, würde er schon komme.

Rion - embarrassed

Max redete irgendeine verquillte Scheisse auf ihn ein. Es war hoffnungslos. Sie alle waren so saumässig intelligent, dass sie meinten, ihren Senf dazugeben zu können. Jeder meinte das. Jeder meinte, einem Anderen seine Weisheiten und seinen Lebensweg aufdrücken zu können, egal, ob derjenige es hören wollte - oder eben auch nicht. Und das, was da aus Max Munde kam, in diesem schlechten, widerlichen, widerwärtigen gebrochenen Englisch mit diesem scheusslichen, starken Akzent, dass man es kaum verstehen konnte, das war großer Schwachsinn und Rion würgte es, nicht vor Zorn auf den Boden zu spucken.

Was hat der denn für eine Ahnung? Ich hab ihn gerettet und er spuckt so große Töne, als hätte er was zu sagen. Wenn "Wir" wollten, falls es dieses "Wir" als definierten Ausdruck überhaupt so gibt, wenn wir also wollten.. wir würden ihn zurücklassen oder einfach abknallen. Ich zumindest könnte das, oder Ziggy, dem traue ich das zu. Irgendwie.. ja, ich traue ihm das zu. Also halt dein Maul, deine Redseligkeit kannst du dir dahin stecken, wo sie rausgekommen ist, du klugscheisserische Transe.

Rion antwortete also nicht und Max ging wieder ins Haus. Die Grillen zirpten. Das es tatsächlich noch Grillen gab. Oder waren es Zikaden? Nun, in Achkarren-Kreuzmatten gab es wohl noch Getier. Rion spürte etwas auf seiner Wange, er klatschte es weg. Es war eine Schnake. Schon seltsam, wie manches Gewürm immer überleben konnte, egal, was geschah. Rion war auch Gewürm. Nichts anderes. Schliesslich hatte er überlebt. Wie die Kakerlaken, die immer alles überwanden, mochte auch sonst etwas geschehen und alle andere Flora und Fauna welkte dahin, das Gewürm überlebte.

Er schreckte kurz auf. In Gedanken versunken hatte er kaum bemerkt, wie jemand sich neben ihn setzte. Es war dieser Blonde, dieser Geliebte von Zig-Zag. Sie hatten wohl vorher noch ordentlich gepoppt, er konnte das Sperma gerade zu riechen. Rion verengte die Augen. Dieser Kerl hatte völlig verquollene Augen und versuchte wohl irgendwie zu grinsen. Muskulös war er ja nicht gerade. Aber mager auch nicht. Und er war groß. Und blond war er. Und blaue Augen hatte er. Rion errötete. Er stierte ihn jetzt bestimmt schon einige Minuten lang an, ohne ihm geantwortet zu haben.
"Excusez-moi.. mais mon français n'est pas bien.."
Aus seinem eigenen Munde klang das Französisch grässlich, das wusste er. Für fremde Sprachen hatte er sich nie wirklich interessiert. Für andere Dinge, aber in Sprachen hatte er sich wohl gehen lassen. Jetzt schämte er sich wohl dafür. Wie hiess der Junge doch noch mal? Irgendwie hatte er das im Laufe des Abends auch verdrängt. Aber - Anstand. Dann war er eben ein Fremder. Und sie führten eine Konversation - ganz einfach. Franzosen waren doch allesamt irgendwie vornehm. Also konnte man mit ihm reden. Hoffte er.

"Je m' appelle Rion. Quel est ton nom?"

Er musste ihn einfach weiter anstarren. Ihm fiel erneut auf, wie sehr er helle Augen mochte. Vor allem in Kombination mit Blond. Rions eigenes Gesicht war genauso rot vom Weinen wie das seines Gegenübers. Seltsame Situation. Er wischte sich eine Haarsträhne weg. Und er wusste ganz, ganz genau, dass dieser Junge absolut auf Schwänze stand. Auch komisch. Sein Blick glitt unweigerlich zwischen die Beine des Anderen. Rion schluckte. Ihm wurde heiss. Seine Wangen wurden rot. Und ganz warm. Er legte sich selbst eine Hand an die Wange, um das zu spüren. Dann senkte er ganz, ganz tief den Kopf. Peinlich, dieser Moment. Und dann auch noch eine Franzose. "uhm..."

Jules - Perdus

Jetzt musste er doch daran denken, was sein Vater ihm früher eingeprügelt hatte. Wäre er bloss häufiger in die Kirche gegangen, wäre all das hier nicht passiert! Der Junge war sich absolut sicher, dass er zu 100% Schuld am Tod seines Bruders und dessen hirnlosen Kumpanen war. Schliesslich waren es seine perversen, abnormalen Gelste gewesen, die den gestörten, übermenschlich starken Kerl mit den grünen Haaren angelockt hatten. Dass sein grosser Bruder da draussen auf der dreckigen Strasse verblutet war kam ihm verflucht irreal vor. Der magere Junge mit dem blassen Gesicht, der ihn angeschrien und ihn in dieses haus getrieben hatte, war nicht mehr im Raum.

Wie gern hätte Jules sich noch einmal von dem Kerl anschreien lassen! Selbst wenn es in einer fremden Sprache geschah, so waren die Worte doch zumindest an ihn gerichtet! Gerne wollte der junge Franzose getreten, gefoltert und gefickt werden, wenn es nur ihm galt. Keiner der hier Anwesenden konnte seine Sprache verstehen und der furchterregende Gedanke, dieser Spinner mit den giftgrünen Haaren, der ihn erst so innig geliebt und dann ebenso leidenschaftlich Menschen auseinander gerissen hatte, könne sämtliche Franzosen getötet haben, liess sein Herz gefrieren. Immer noch schluchzend und zitternd wankte der Junge nach draussen und lief dabei beinahe in den Mann mit den langen, feuerroten Locken hinein. Hm, wie gut der Kerl roch, obwohl er doch voll fremden Blut war.

Unwillkürlich leckte Jules sich über die Lippen als er nach draussen trat. Er konnte nicht anders, es war schon immer in seinem Blut gewesen und sein eigener Bruder hatte ihn dafür gehasst. Seine blassblauen Augen glitten zur Seite und scannten dabei den dünnen Kerl, der da zusammengekauert an der Wand sass. Wie gut dem anderen diese Verzweiflung stand! Ohne den Grund dafür zu kennen fühlte Jule sich sofort zu Rion hingezogen. Ganz selbstverständlich liess er sich gemächlich neben ihm nieder. "Nous sommes perdus, hein?" flüsterte er dem anderen grindens zu. Sein Gesicht war immer noch von Tränen verquollen und dennoch zog er die Mundwinkel nach oben und wollt einen fröhlichen Eindruck hinterlassen. Ihm war zum Kotzen zumute.

Irgendetwas sagte ihm, es bestünde eine ganz geringe Wahrscheinlichkeit, dass zumindest der blasse arsich aussehende Typ hier ein wenig Fremdsprachenkenntnisse besässe. Zusätzlich gab es da noch etwas anderes, das Jules veranlasste ausgerechnet Rion so scheu anzulächeln. Das konnte er spüren.

Montag, 18. Juli 2011

Max - Freund?

Das Volk lieben. Ist das nicht die wichtigste Aufgabe einer Prinzessin? Und gehören zum nicht alle um einen herum? Hach, sie alle teilten das selbe Schicksal und all die Liebe, die die Prinzessin momentan hätte empfinden können hätte nicht gereicht, ihre Herzen zu heilen. Wie aufrichtig sich der Lockenkopf doch um den anderen Ritter kümmerte, der sich übergeben musste. Wie treuherzig der Junge mit dem dunklen Teint an ihrer Seite sass und unbedingt mithelfen wollte, das Leid zu lindern. Die Prinzessin jedoch konnte nur dastehen und zusehen,. Das war nicht ihr Volk. Nein, die war in fremde Länder verschleppt worden und hier kannte sie keinen. Was also sollte sie mit diesen Fremden? Die Prinzessin hatte sich vorgenommen, ihre Schuld zu begleichen. Sie wollte die edelmütigen Ritter pflegen, danach jedoch fortgehen. Nach Hause. Sie musste ihr zu Hause finden, wo immer das auch lag.

Max war müde und hungrig und troztdem war ihm kotzübel. Um sich zu vergewissern, dass er nicht vom Regen in die Traufe geraten war, wollte er nach draussen, um sich ein wenig an der kühlen Nachtluft abzureagieren. Manchmal mochte er es ganz gerne allein zu sein und den endlosen Himmel anzubrüllen. Bestimmt hätte er das auch getan, wenn er nicht Rion vorgefunden hätte, der da bereits sass.Empörende Worte traten an das Ohr der Prinzessin. Sterben? Getötet werden?! In einer Zeit, in der jeder für das Überleben kämpfte? Wut brodelte in ihrem Bauch, doch wusste sie gleichzeitig, dass sie sich gemässigt zu verhalten hatte wie ihr Stand es ihr gebot. Daher sog sie tief die kalte und leider nicht ganz so klare Nachtluft in ihre Lungen und liess sich neben dem jungen Ritter nieder. "Sterben? Nach allem, was du durchgemacht hast?" flüsterte die Prinzessin.

Die Blutflecken auf seinem Kleid waren eingetrocknet und nahmen eine rostbraune Farbe an. Der Rothaarige zog die Beine an, seine nackten Füsse gruben dabei Rillen in den weichen, staubigen Erdboden. "Wer auch immer dir bisher zur Seite stand.. wenn du stirbst, beissen sich die Kerle in den Arsch.. ich hätt' keinen Bock, für dich zu verrecken, wenn du dich wenig später abknallen lässt..". Max hob den Kopf und starrte die zusammengekauerte Gestalt an, die sich zitternd an die Wand presste. Etwas war in diesem Jungen kaputt gegangen. Scheisse, in jedem von ihnen war verdammt viel am Arsch, aber.. .. Max seufzte: "Wir packen das.. oder.. haste was besseres vor? Ich kapier' bestimmt nich' alles, aber einsam bist du trotzdem nicht.. okay?". Damit stand er auf und klopft sich den Sand von diesem albernen rosa Kleid, das er immer noch trug. Von drinnen waren aufgeregte Stimmen zu hören.

Rion - Resolution

Der aufkommende, warme Schauer zog durch sein Mark und Bein. Francis' Hand an seinem Rücken, wie sie langsam hinauf glitt, zu seinem Nacken, der so unglaublich empfindlich, wie er war, sofort sich mit Gänsehaut überzog. Rion schloss für einen kurzen Moment die Augen, zog die Luft scharf durch seine Nasenlöcher in seine Lunge hinein. Francis war ihm so unglaublich, unausstehlich nah. Eben noch hatte er ihn so abgrundtief für seine Schwäche verabscheut, dass er ihn nur schlagen und bespucken wollte, doch nun konnte er sich kaum zurückhalten, nicht vor eigener Schwäche auf die Knie zu sinken wie ein wehrloses Reh. Er vermag es kaum, zu stehen. Seine Beine waren weich, er biss sich auf die Unterlippe, versuchte, sich das zittern zu verbieten. Doch Francis warme, raue Finger strichen durch sein Haar, als wollten sie ihn liebkosen.

Die Augen so geschlossen schossen Bilder durch seinen Kopf. Oh bitte, bitte. Lass mich los, fass mich nicht an! Ich kann nicht, kann mich nicht wehren, kann nicht stark sein. Er krallte die Finger in Francis Oberteil, lehnte den Kopf an seine Brust. Er seufzte. Dieser Moment gehörte ganz, ganz, ganz, ganz alleine ihm. Wenn er sich nur ausmalte, was er jetzt alles mit ihm tun wollte....

Hätte es nur die Anderen nicht gegeben. Würden sie nicht existieren. Würden sie einfach tot und brach in ihrem eigenen Blut daliegen, so wie sie es verdienten. Diese schwachen, dummen, leidigen Idioten. Hätte er ihn nur für sich alleine, ganz für sich alleine. Er würde ihn...
Rions Augen waren fest geschlossen. Heiss durch seine Adern schoss die Gier.
Packen, ihn zu sich herunterziehen. Seine Lippen auf die des Anderen drücken und ihn so voller Wut und Liebe küssen, ihm die Lippen zerbeissen, die Hand in seinen Nacken krallen und seinen Rücken blutig kratzen. Francis an sich drücken, bis ihre Körper so dicht waren, dass man den Schweiss des Anderen riechen, das Herz pochen spüren konnte. Das Hemd würde er ihm runterreissen und seine Brust küssen. Und dann.. dann würde er auf die Knie sinken, sich die schwitzigen Haare aus dem Gesicht streichen, Francis Hose öffnen. Würde seinen Schwanz lutschen, bis der Größere ihm in den Mund spritzen würde. Stöhnend, zitternd, sich in sein Haar krallend. Seine Zunge über den weichen, aufgepumpten Schaft gleiten zu lassen, darüber zu lecken, sein Ding ganz in den Mund zu nehmen, bis er fast brechen würde, dieser Gedanke... diese Vorstellung...

Rion wurde ganz schwindelig. Seine Hose wurde eng. Er verspannte sich, zog die Schultern unweigerlich hoch. "Lass mich... los...", stöhnte er fast schon heraus und drückte sich von Francis weg. Beschämt entwich er seinem Blick. Er schnaufte. Nur noch weg. Bitte, bitte lass mich fliehen. Wenn du auch nur eine Sekunde länger bei mir bist, weiss ich nicht, was ich tue. Francis.. Francis, wie er mich fickt. Francis.. und ich sitze auf seinen Lenden und ramme mir seinen Schwanz in mich hinein. Rion hielt sich an der gegenüberliegenden Wand fest. Scheisse.

"Wusste gar nicht, dass du so zäh bist und so kämpfen kannst, Ryan!"

"Sicher..... Moment... Moment...."
Sich des eigenen Stolzes, der so wie sein Hirn tief in seine Beckengegend gesunken war, erinnernd, stiess sich Rion hochgerötet von der Wand ab. Und starrte Francis an. Völlig, fast gleichgültig, sah der ihn an. Er kannte nicht mal seinen Namen. Rions Augen weiteten sich. Wut kochte in ihm auf. Er wusste nicht mal, wie er wirklich hiess. Und trotzdem... trotz allem, wenn er in diese dunklen Augen sah, wurde ihm schwindlig und er wollte weinen vor Sehnsucht. Warum, du Blödmann, kennst du nicht mal meinen Namen? Rion heisse ich doch, ist das so schwer für dich? Ist das so schwer zu verstehen? Wie man diesen Namen richtig ausspricht?
Francis nahm Schritt auf das Gebäude, zog Rion gegen seinen Willen mit. Rion weinte. Tränen des Zorns quollen aus seinen Augen. Er schlug Francis Arm, doch der hielt ihn fest.
"Das ist nicht mein Name! Merk dir, wie ich heisse... ich heisse....!"
Doch in diesem Moment blieb das Wort ihm im Halse stecken. Zig-Zag kotzte auf den Boden. Widerwärtig, geschwächt, zerschlagen wie er war, erbrach er sich einfach in seine Haare. Francis ging zu ihm. Rion rannten die Tränen das Gesicht herunter. Der Brite wandt das Gesicht ab. Er verliess den Raum.
Draußen sank er an der Hausmauer gen Boden. Stützte sein Gesicht auf seinen Knien und weinte. Bitterlich. Und schluchzte. Da drinnen konnte ihn doch sowieso kein Schwein hören. Francis hatte nur Augen für seine Kameraden. Er war so einer, so ein Typ, der für seine Freunde da war, der für seine Freunde sorgte und niemals sehen würde, was direkt vor seinem Gesicht war. Nämlich jemand, der sich wie nichts mehr auf der Welt nach ihm verzehrte. Aber tatsächlich - was konnte Rion ihm auch geben? Er verstand ihn nicht auf dieser Ebene, wie Ziggy oder Kya es taten. Er war so vollkommen anders als Francis. Niemals, niemals würde Francis sich nach ihm umdrehen,
Rion streckte die Beine aus. Die Sonne ging langsam unter. Bald würde es Nacht werden. Rion sah tränenverquollen hoch zum sich aufbreitenden Mond, schluckte die letzten, salzigen Tränen herunter.

"Schrecklich ist sie... diese Welt.... wie viel lieber wäre ich jetzt bei dir, dort oben.."
Er wischte sich übers Gesicht, Zog die Beine wieder an, legte den Kopf auf seinen dürren Gliedmassen ab. Und beschloss hiermit, Francis nicht mehr zu lieben. Egal was kommen würde. Das war falsch. Und würde ihn töten.
"Ich hab doch jemanden.... den ich mag.. und der mich mag.... und nur, weil du tot bist... heisst das nicht.. dass du nicht für mich da bist, nicht wahr?"
Er schloss die Augen. Max trat aus dem Haus heraus. Rion blickte hoch. Dann sah er wieder dem Himmel entgegen.
"Weisst du.... ich warte auf den Tag, an dem ich von all diesem Scheiss einfach erlöst werde. Einer sollte mich erschiessen. Aber es passiert einfach nicht....... es passiert einfach nicht..."
Er schloss erneut die Augen. Seine Stirnfransen waren nass vom Weinen geworden.
"Wir sind immer allein... es gibt niemanden... der einen ewig beschützt... darauf sollte man sich einstellen..."

Donnerstag, 30. Juni 2011

Francis - Responsibility

Wie Matsch. Oder Moor. Ja, es war.. wie in weichem, schlammigen Boden zu versinken. Man versucht verzweifelt, einen Schritt zu tun, sich zu rühren, sich heraus zu kämpfen und je mehr man sich abmüht, desto schneller versinkt man. Und ehe man sich versieht hat man sich mit seinem Schicksal abgefunden, fängt beinahe an, die feuchte, kalte Erde, die einen so gierig umarmt zu mögen und man gewöhnt sich daran, lässt sich gern zurückfallen und versinkt immer weiter in der stinkenden, fauligen Masse. In Francis' Welt gab es nichts mehr ausser seiner Hand, die die seines besten Freundes hielt und irgendwie versanken sie gemeinsam im Moor und das widerum erschien dem Amerikaner sehr tröstlich.

Ob das nun eine Heldentat war, wie sie teilweise todesmutige Kinder vollbringen, die ihre ins Eis eingebrochenen Spielkameraden selbstlos aus dem lebensvernichtend kaltem Wasser ziehen während erwachsene Menschen fassungslos und starr vor Angst am Ufer stehen und nur gaffen, oder ob es ein letzter Verzweifungsakt war, kam die Hand, die Francis' am Arm packte und unsanft davon zerrte ziemlich überraschend. Ausgerechnet der blasse, kleine Brite hatte ihn aus dem Haus gezerrt und ihn gegen die Aussenwand gedrückt. Seine ernsten, melancholisch braunen Augen starrten wutentbrannt aus dem bleichen, zerschlagenen Gesicht auf einen ziemlich verwirrten Francis, der sicherlich noch Matsch an den Schuhen und Hosenbeinen hatte. Worte prasselten auf ihn ein und Rion schüttelte ihn, schniefte und schnaubte und legte schliesslich seinen Kopf erschöpft an Francis' Brust. Da kam es ihm auf einmal vor, als steckte der Jüngere ebenfalls im Moor und nur noch sein Kopf schaute heraus. Das genügte aber, denn solange er den Mund aufmachen und sich beschwerden konnte, war er noch nicht tot. Behutsam legte Francis einen Arm um den schmächtigen Körper des anderen und stiess einen tiefen, erlösenden Seufzer aus. "Ja .. wir sind alle am Leben. Da gibt's nichts zu heulen. Das is' 'n Grund zum Feiern." murmelte er und liess dabei die Hand an Rions Rücken über den Nacken nach oben gleiten um ihm über das Haar zu streicheln, wobei er deutlich spüren konnte, wie der Jüngere erschauderte. "Du hast Recht. Ich hab' gesagt, wir schaffen's und jetzt liegt's an mir, das Versprechen zu halten." sagte er nun etwas lauter und durchaus heiterer. Mit dem Zeigefinger hob er Rions Kinn an und grinste ihm frech ins Gesicht: "Wusste garnicht, dass du so zäh bist und so kämpfen kannst, Ryan!" Wie immer verhunzte und veramerikanisierte er dabei den Namen des Briten, weil er genau wusste, wie dieser sich darüber aufregte. Ohne ihm allerdings wirklich Zeit zu geben, sich zu ärgern schob er den Jungen vor sich her und zurück durch die Tür ins Haus hinein.

Kya sass bereits neben Zig Zag in Startposition mit einem frisch gedrehten Kraut-Ungetüm-Joint-Dings und hatte seine eigenen Wunden offenbar mit Spucke und noch mehr Pflanzenzeugs versorgt. Das rothaarige Wesen in dem rosa Kleid von vorhin stand etwas teilnahmslos an einer Wand. Allerdings war der blonde Franzose noch viel abwesender und vermutlich ohnehin nicht mehr zu retten, so verloren wie der in der Ecke sass und still vor sich hinheulte. Francis verfluchte einen kurzen Moment lang sein eigenartiges, naturgegebenes Mitleid, das er aber auch wirklich jedem gegenüber zwanghaft empfinden musste.

Sie Szene wurde durch Zig Zag selbst abgerundet, der irgendwie den schwach leuchtenden Kern der Versammlung verkörperte, war er doch der Grund, dass alle Anwesenden noch lebten. Plötzlich ertönte ein markerschütternder Schrei, dass es klang als würde die Welt (erneut) untergehen. Zig Zag hatte zuerst den Mund, dann die Augen geöffnet, panisch herumgebrüllt und reiherte nun hemmungslos neben das Sofa auf den Boden. Francis reagierte zu spät und musste daher nun seinen besten Freund aus dessen Kotze fischen. Er kniete neben Zig Zag, hatte liebevoll einen Arm unter seinen Kopf geschoben und ihn mit dem anderen an sich heran gezerrt. "Mann.. Alter.. erschreck mich nich' so.." flüsterte er und strich dem anderen die verklebten Haare aus dem Gesicht. Dass das Ravioli-Magensäure-Gemisch, das sich direkt neben ihm in den Teppich frass, stank wie die Pest störte ihn im Augenblick nicht und auch Zig Zags erschöpftes, krampfartiges Gezappel liess er über sich ergehen. Mit einem Ruck hievte er den Verletzten auf das Sofa zurück und brachte ihn in eine halb sitzende Position wobei er tatkräftige Unterstützung von Kya bekam, der ein wenig unruhig wirkte.

Mit einem Arm und dem eigenen Oberkörper stützte er seinen besten Freund und redete auf ihn ein: "Willkommen zurück.. du hast echt 'n Knall aber du hast's geschafft.. echt, das war voll krass.. mach so 'ne Scheisse nich' noch mal.. kann ja wohl echt nich' wahr sein, dass hir dauernd einer halb abkratzt..". Schliesslich rang er sich ein schiefes Grinsen ab. Irgendeine Hand - sie gehörte vermutlich dem Rotschopf - kam über die Sofalehne geschwebt und reichte Francis ein nasses Tuch mit dem dieser Zig Zag liebevoll den Mund und das Gesicht abwischte. "Du musst wieder fit werden.. wir wollen ne Party schmeissen.. und du bist der catering service." Francis hatte wieder irgendetwas klebriges am Schuh. Das war allerdings diesmal nicht der Matsch aus dem Moor sondern lediglich die Kotze seines besten Freundes. Und das störte ihn herzlich wenig.

Mittwoch, 29. Juni 2011

Zig-Zag - Surrender


Schwere Dunkelheit presste sich ihm von oben auf seine schweren, pochenden Augenlider. Weit weg entflammten in einem kurzen Zischen Bilder und verschwanden wieder in sämigem Rauch. In seinem Kopf explodierten Sterne und Planeten, er füllte sich qualvoll mit Blut und unendlicher Druck stach in seine Schläfen.
Seine Finger begannen zu zittern, seine Lenden, seine Brust bebte, es war ihm, als wäre die Luft aus Eis, gefroren und sein ganzer Körper war umhüllt von Kälte und Frost. Messerstiche, die ihn durchbohrten und er zuckte, um nicht zu erfrieren - und seine Zähne stießen auf einander.
Auf dem Boden gekauert fand er sich wieder, zerschlagen und nackt, wie ein hilfloses Kind. Es war, als hielten unsichtbare Ketten ihn am Boden fest, unmöglich, sich wirklich zu bewegen, alleine nur das Kinn zu recken liess ihn qualvoll aufstöhnen. Was war geschehen? War es denn jetzt also endgültig vorbei?
Es war ihm, als würde er Schluchzen. Tränen rollten seine Wangen herunter. Es war ihm auch, als hätte er lange nicht mehr so klar denken können, wie jetzt. All der Rausch, das schöne, wohlige Dasein im Schatten des Verdrängens, erreichte ihn nicht mehr, er war so nüchtern wie lang nicht und all die Gedanken, all der Schmerz kroch von unten aus seiner Brust hoch, drückte und brannte und entwich ihm als nasses Salz aus den Augenwinkeln. Sich noch mehr zusammenkauernd wollte er schreien, doch seine Stimme versagte. Die körperlichen Schmerzen waren schier unerträglich, es zerriss ihn in tausend Stücke. Doch schlimmer, widerlicher als diese war nur das Gefühl der unendlichen Einsamkeit, wie ein Dolch in ihm wühlend. Was war mit ihm geschehen? Warum!? WO war seine Kraft? Wieso konnte er nicht aufstehen, sich nicht wehren gegen Kälte und Schmerz, warum konnten die brennenden Erinnerungen, Gedanken, Vorwürfe in seinem Kopf, die sich nun mehr anhörten wie tausend schrille, klagende Kinderstimmen nicht still werden, ihn zufrieden lassen? Er wollte doch nicht sterben.. jetzt noch nicht und später nicht. Die Dunkelheit um ihn herum schien sich zu bewegen, schien plötzlich Arme und Finger zu haben, fast menschlich, doch tropfte von jenen Finger schwarzer Schleim herunter, verschmolz mit dem Schatten und formte daraus wieder neue, lange, drahtige Finger, Hände und Arme, bis schließlich Wesen groß, dürr und Gesichtslos sich erhoben und nach ihm griffen. Sie stöhnten schrill und jaulten, weinten, umfassten seine Beine, seine Arme.
In völliger Panik brüllte er sie krächzend, stimmlos an, seine Kehle staubtrocken. Er versuchte nach ihnen zu greifen, sie zu packen und von sich zu schleudern, doch es schien vergebens, der riesige Ozean aus Schwarz fiel über ihn her, als wollte er ihn aufsaugen. Seine Augen weiteten sich vor Angst, als die Schatten ihn umschlossen und hineinsaugten in ihr Meer aus Nichts. Wie eine riesige Decke, die sich auf ihn legte, schwer, unendlich heiss, so dass er Schweiss ihm nur so aus den Poren gepresst wurde. Er liess los. Er hatte keine Kraft mehr sie von sich zu drücken, sich zu wehren. Müde wurde er, so müde und so schwer. So unendlich schwer.

Das letzte Bild, dass ihm durch den Kopf schoss war die Erinnerung an ein bildhübsches Mädchen, mit glatten, ordentlichen dunklen Haaren. Sich vor seinen Augen manifestierend, wie eine Halluzination, bückte sich eben jene Schönheit hinab zu ihm und lächelte. "Es ist noch nicht so weit. Du darfst noch nicht gehen. Du hast versprochen, auf ihn aufzupassen." Sie stupste seine Nase an. Völlig baff starrte er auf ihre riesigen Möpse. "Ja.. Ja.. Sheila... ja... ich weiss... du hast recht..." Er stammelte. Sie packte ihn an den Schultern, immer noch so furchtbar süß lächelnd. Doch irgendwas, irgendwie war ihr Blick verstörend.
"Bist du.. bist du wütend..? Ich hatte nicht vor.. zu sterben.."
Er lachte leicht. "Was ist... wieso.. sagst du nichts mehr...?"
Und ihr Gesicht, so wunderschön und edelmütig wie es eben noch war, wurde mit einem Mal zu einer riesigen, verzerrten Fratze, ihre schönen Augen größer, sich weitend, ihn anstarrend, zu glühenden Feuerbällen, Ihre Finger wurden Krallen, die sich in seine Haut bohrten, doch sein Schreien half nichts, bis zu den Knochen drückte sie sich in ihn hinein, mit einem heftigen Stoß, so dass sein Blut spritzte und spritzte - und als die messerscharfen Zähne der immer größer werdenden Kreatur sich in das Fleisch seines Halses und hindurch bohrten war es aus.

"AAH!" Mit einem Aufschreien, sein Herz pochte viel zu schnell in seiner Brust, der Schweiss stand ihm kalt auf der Stirn und es schwindelte ihm, hatte er sich aufgerissen auf dem Sofa, knallte vor Schwäche wieder zurück. Alles drehte sich vor seinen Augen, alles schmerzte, er schnaufte, hechelte, beugte sich zur Seite und musste kotzen. Er kotzte und Tränen flossen sein Gesicht herunter, unentwegt. Zitternd wie Laub, sich wieder beruhigend presste er die Wange, hochrot, gegen die weiche Polsterung. "Fuck.. ich versuche nie wieder.. zu sterben...", flüsterte er zu sich selbst und schloss kurz die Augen. Schnaufend, schwer und müde und fast betrunken vor Verwirrung, Durst, Hunger und Schmerz kam ihm nichts real vor. Wo war er? Glühende, fürchterliche Augen starrten ihn von allen Seiten an. Menschen, Personen, die er nicht zuordnen konnte. Sie machten ihm Angst. Er fühlte sich wie ein kleines Kind, umzingelt von wilden Tieren. "Geht.. geht weg von mir! HAUT AB!", krächzte er und wollte schon um sich schlagen, doch er knallte hinunter vom Sofa und blieb liegen, weil er zu schwach war, aufzustehen. Seine Haare also in seiner eigenen Kotze und er völlig tränenverschmiert mit dem Gesicht auf dem Fussboden. Fuck. Jetzt wäre er wirklich lieber tot.

Montag, 27. Juni 2011

Max - Sanitäter auf Knopfdruck

Die Situation drohte zu eskalieren. Jeder der fremden Kerle fuchtelte mit einer Knarre herum und zu allem Überfluss waren eben zwei weitere Gestalten auf der Bildfläche erschienen. Max schaffte es, einen Blick zur Seite zu werfen, fand aber, dass der benebelt dreinblickende Kerl mit der schrägen Frisur nicht sonderlich hilfreich aussah. Der Blondie, den er im Schlepptau hatte kam ihm jedoch bekannt vor.

Immer noch auf den Knien ereilte die Prinzessin mit einer plötzlichen, eiskalten Klarheit die Erkenntnis, dass sie wohl entgültig ihr Leben verwirkt hatte. Zugleich hatte sie auch noch den edelmütigen jungen Ritter, der nun in einem erbärmlichen Zustand neben ihr am Boden lag, mit in den Abgrund gerissen. Als alle Hoffnung verloren schien, flammte jedoch ein neues, strahlendes Licht auf. Da war ein weiterer Mann, der etwas Gefährliches ausstrahlte und dennoch reinen Herzens zu sein schien. Das erahnte die Prinzessin daher, dass der Mann sich fürchterlich aufregte, als der Junge, der ihn begleitete von einem der gegnerischen Söldner niedergestreckt wurde. Doch schien der fremde Mann mit dem zerzausten, langen Haar seine Kraft nicht unter Kontrolle zu haben und mehr wie ein wildes Tier als wie ein menschliches Wesen zerfleischte und zerfetzte er die Söldner, die die Prinzessin gefangen gehalten hatten. Blut befleckte nun auch ihr Kleid. Verschreckt war sie aufgesprungen und einige Schritte zurück gewichen. Nun besah sie sich das Ausmass der Verwüstung. Der blonde Junge weinte laut und hatte sich über den Mann geworfen, der ihn zuvor geschlagen hatte und der nun regungslos am Boden lag. Aber auch die andere Seite hatte Verluste zu beklagen. Ausgerechnet ihr tollkähner Retter, dieser wütende, unkontrollierte Mann, der alles getan hatte um sie zu schützen, war zu Boden gegangen. Sein Kumpane eilte ihm sofort zu Hilfe, hievte ihn hoch, trug ihn fort. Ohne zu zögern eilte die Prinzessin zuerst davon und kurze Zeit später den beiden hinterher. Dieser Mann war noch nicht tot und er brauchte dringend Hilfe.

Zunächst galt es, sich Platz zu verschaffen und dem Typen mit dem lockigen Haar, der seinen Freund auf ein Sofa platziert hatte, irgendeine sinnvolle Aufgabe zu geben, damit er um Himmels willen nicht so im Weg herumstand und irgendwie die Fassung wieder gewann. Max öffnete hastig seinen Rucksack, zerschnitt das Shirt des Ohnmächtigen und entdeckte eine saubere Durchschusswunde von ca. 9mm an der Autrittsstelle. Um die Blutung zu stillen stopfte er sowohl in diese wie auch in die Eintrittswunde, die sich am Rücken knapp unterhalb des rechten Schulterblattes befand eine Tamponade und wickelte einen festen Kompressionsverband um Brust und die rechte Schulter. Dann besah er sich die Schusswunde am linken Oberschenkel und musste verärgert feststellen, dass die Kugel wohl noch steckte. Unmöglich das Ding drin zu lassen, da das Infektionsrisiko ohnehin schon zu hoch war. Mit einer anatomischen Pinztte bekam er das Geschoss zu fassen und entfernte es. Sein Patient hatte grosses Glück, bewusstlos zu sein. Auch um den Oberschenkel wurde ein Kompressionsverband angebracht. Später würde sicher noch eine Antibiose notwendig sein aber für den Moment war Max' Arbeit getan.

Um den Verletzten herum hatte sich wohl nun die gesamte Rittersschar eingefunden. Die Prinzessin lehnte erschöpft an einer Wand und besah sich die Gestalten. Der Mann mit den dunklen Locken war mit dem blassen Ritter, der die Prinzessin so tapfer befreit hatte, heringetreten und beide wirkten nun etwas gefasster. Andächtig liessen sie sich in der Nähe ihres verletzten Verbündeten nieder. Da war noch ein weiterer Junge, der Kleidung trug, die der der toten Söldner sehr ähnlich sah. Offenbar gehörte er dennoch zur Truppe, denn er bewachte den Verwundeten nun sehr liebevoll. Schliesslich war auch der blonde Jüngling heringeschlichen, sass in einer Ecke und rührte sich nicht. Zwar weinte er nicht mehr, doch verbarg er dennoch sein durch Tränen und den harten Schlag des Mannes, den er später beweint hatte, unansehnliches Gesicht mit den verschränkten Armen die auf den angezogenen Knien ruhten. Es wurde allmählich dunkel und merklich kühler.

Montag, 11. April 2011

Kya - Tour de France in 80 Minutes

Langsam trat der kleine Junge in eine andere Dimension ein, wo sein Geruch, sein Gehört, seine Haut und sein Sinn plötzlich viel schärfer auf nur das Wesentliche konzentriert waren: Gefahr. Irgendwie schmerzte das schlecht gesprochene Französisch der Soldaten seine Ohren und sein Kopf, doch wenn er diese Schmerzen ordentlich stillen wollte, musste er durchdacht handeln.
Er hörte Francis, hörte die Schüsse und wusste, dass er noch nicht viel bezwecken konnte, solange er nicht einschätzte, wie viele es noch waren. Dann stoßen aber ZigZag und der Blonde zu den anderen und Kya wurde es in weniger als einem Augenblick bewusst, dass er nicht viel Zeit hatte. Dieser verfluchte Schwuchtel, wenn Kyanousch nur diesen Jules in die Hände bekam! Der Bengel erzählte nämlich mitten in seinem Worterbrechen auch die Sache mit ihm und dem anderen Soldat aus. Zum Glück wusste er nicht, wo die beiden sich befanden – nämlich der eine im Nebenraum und der andere im Totenreich – dennoch war eins klar: wenn die nicht wie Ziggy und Blondie sich hier befanden, dann könnte es nur heißen, dass der Barbar – spricht Kya – ihrem Kamerad was angetan haben musste!
Somit blieb auch nicht länger Zeit zum Verstecken und als der Ältere anfing, dem Schwuchtel seinen Verdienst in Schläge zu überweisen, machte sich Kya bereit, aus seinem Versteck zu kommen und sich wieder einmal dem Adrenalin anzuschließen. Das Lärm der Schlägerei ausnutzend eilte er aus seiner Ecke, doch just in dem Moment wurde er von einem der Franzosen gefunden, bevor er den Raum verlassen konnte. Es gab keinen Ausweg, ein Schrei von dem und wäre er genauso gefangen wie die anderen. Für einen Kelaschschuss war es schon zu spät, er stand zu nah zu dem Kerl, also ließ er Kelasch fallen und sprang stattdessen auf den Soldaten. Es wurde alles gut enden, solange er seine Hände nicht fesseln ließ, dachte er als letztes, denn danach gab es keine Zeit zum Denken mehr. Seine rechte Hand griff sofort nach dem Mund und den Kiefern des Franzosen und hielt diesen zusammen, doch wirklich notwendig war das nicht, denn mit dem ganzen Geschrei und Schüsse, die von dem anderen Raum kam, wären sie sowieso nicht in der Lage gewesen, das bisschen von ihrem Schlägerei zu hören oder die schwache Warnung des Soldaten, einer von ihnen solle sich hier befinden. Es geschah alles zu schnell, zu einfach. Was Kyanousch an dem Adrenlinrausch dieser Art am besten gefiel, war vor allem die Abwesenheit störender Gedanken, die Gewissheit, was jetzt zu tun sei...
Es war gänzlich unbedeutend, wo seine Finger als nächstes ihren Druck ausübten, welche Knochen brachen oder welche Organe durchbohrten, auch als das Messer des Soldaten in seinen rechten Vorarm drang, um seinen Mund von dem übermenschlichen Druck der Finger zu befreien, war sowohl der Schmerz als auch die Verletzung unbedeutend. Kyanousch war schneller, seine Finger hatten mehr Glück, sie drangen endlich dahin, wo sie das Lebenslicht dieser Schande für einen Franzosen löschen konnten. Er war tot, seine Hand ließ den Messergriff und fiel leblos davon herunter. Einen leiseren Kampfschrei ließ der Lore endlich raus.
Zähne zusammenkneifend zog er dann das Messer aus seinem Arm und wollte sich zu der begehrten Kelasch machen, als paar Soldaten plötzlich aus dem Nebenzimmer panisch los rannten – wie viele von ihnen gab es überhaupt? - und bevor Kya sich Gedanken darüber machen konnte, was da geschehen sein mochte oder wie er ihnen aus dem Weg gehen konnte, - nun dass ihr Kamerad im Türrahmen des Zimmers mit seiner Leiche die komplette Aussicht in den kleinen Versteck bat – hatten sie schon den toten Leib ihres Freundes sowie den Todesfaktor höchst persönlich gesehen. So wurde er einfach mitgerissen – und warum schrien die bloß so wild?
Kya hatte sich gerade entschlossen, kein Wort Französisch mit ihnen zu reden, als er starken Schmerz in seinem Kopf, durch seinen Schädel spürte und dann einfach nichts mehr.

80 Minuten später stand der Lore in demselben Raum und an derselben Leiche. Wie in Trance schritt er über den toten Mann herein und zu seinem Gewehr. Während er Kelasch liebevoll vom Boden abnahm, spielten in seinem müden Hirn Bilder von französischen Soldaten, deren Uniform er immer noch trug. Er sah ihre Blicke noch auf sich ruhen... doch eigentlich so wie sie ihn beäugt hatten, war in ihren Blicken alles andere außer Ruhe. Es war diese klebrige Art, wie manch abscheuliche Blicke auf der Haut zu bleiben schienen. Sein Körper fühlte sich träge, als er Kelasch wieder über den Schulter trug; keine Schmerzen mehr, auch die Blutung hatte aufgehört doch sein Körper war träge und sein Gehirn extrem müde. Er wollte für heute Nacht einfach nicht mehr denken müssen. So übernahmen seine Beine – deutlich weniger verletzt als der Rest seines Körpers – die Verantwortung, seinen Leib zu tragen. Automatisch schlugen sie dann den Weg zu dem einzigen Haus dieses verfluchten Nachbarschafts, aus dem – mehr oder weniger – menschliches Leben zu strahlen schien. In der – wahrscheinlich ersten – Stunde der Dunkelheit auf der verlassenen Straße liefen Bilder der Soldaten vor seinen müden Augen, die trotz der Leere in ihrem Blick immer noch die Wärme behalten hatten. So sah Kyanousch wieder ihre Blicke, fühlte ihre Griffe an seinem wehrlosen Leib, hörte ihre Stimmen und erledigte sie wieder aufs Neue einen nach dem anderen. Viele konnten es nicht gewesen sein, sonst musste es viel länger gedauert haben. Kurz dachte der junge Bakhtyare an seine Hände, an denen sein eigenes Blut nun mit dem der Soldaten gemischt war, doch er fühlte keinen Bedarf, sie jetzt zu reinigen, so müde waren seine Leib und Seele.
Als er mit Kelasch schussbereit in der Hand die Tür zum jenen Haus mit einem Tritt öffnete, konnte er nur hoffen, dass die Leute da tatsächlich sein Gang sein sollten. Doch das Geschrei des kleinen Engländer ließ keinen Zweifel daran. Kurz sah er sich um, dieser blonde Schwuchtel und ein rothaariges Mädchen waren auch da, doch Kya war zu müde, um weiter daran zu denken. Träge ließ er Kelasch senken und sah sich um. Seine Braut lag auf dem Sofa, doch sein Schlaf schien nicht sonderlich friedlich, was auch von Francis' Gesichtsausdruck abzulesen war. Außer sein Vorarm hatte er auch an dem einen Bein von den Franzosen schneiden lassen, doch nicht so tief wie sein Arm. Auch sein Kopf schien zu bluten, die blauen Flecken aber wurden erst mal dank Kleidung verdeckt. Leise machte er die Tür zu und ging mit schweren Schritten auf den Sofa zu. Als er dem kleinen Franzosen Zähne knirschend einen bösen Blick zuwarf, war das Wilde des Raubtiers in den müden, bernsteinfarbenen Augen nicht zu verpassen. Dennoch ging er wortlos an ihm vorbei und wie eine schwere Last ließ er sich neben ZigZag auf dem Sofa sinken. Kurz machte er keuchend Pause, um wieder ins Atem zu kommen, dann packte einige seiner Tascheninhalte leer. Aus einem Beutel nahm er paar Kräuter, die er dann nach fleißigem Kauen auf die Wunde schmierte. Dass er kurz sein Atem hielt, war seine einzige Reaktion auf die Schmerzen, er war verdammt zu müde. Einen faulen Blick warf er auf seine Hand und dann streute er halb abwesend neue Kräuter auf einem Langpaper. Sie hatte er sich mal aus einer Tankstelle geholt und sollten nur in Notfällen gebraucht werden. Ein kurzer Blick auf Zig verriet, dass dies definitiv zu den Notfällen zählen konnte, so drehte er nun den Joint zu Ende und packte alles andere wieder in die Taschen.
Nun musste er nur warten, bis Dornröschen wieder wach war, er wurde die Tüte in Kyas Hand bestimmt brauchen, nur musste Kyanousch ein wenig warten.