Montag, 24. September 2012

Kya - Verwaltung


Endlich gab es hier was vernünftiges zu tun und dieser Franzosentrottel war natürlich zu dumm und zu sehr mit sich selbst und das schändliche Elend für sein Leben beschäftigt, um es zu checken. Kein Wunder, dass dieser Parasit sich nur an der Seite seines barbarischen Bruders ernähren und am Leben halten konnte, denn wem fiel es ein, zu jammern, wenn es darum ging, Futter zu besorgen?!
“Nur dieses eine Mal spiele ich mit und spiele den Kindergartenerzieher.”, warnter Kya den wortkargen Blonden, dem es anscheinend nicht aufgefallen war, dass man sich schon seit über einem Jahrhundert lieber eine andere Sprache bedeinte als die seine. Seufzend ging er herüber zu dem Kerl, der wie ein bockiges, kleines Gör auf der Stelle stehen geblieben war und vor sich jammerte. Ginge es nicht ums Essen, hätte er auf der Stelle die Nervensäge mit einem großen Stein oder eine Stange von der Last des Lebens entlassen – welcher Narr würde dann schon fürs Muttisöhnchen Munition verschwenden?!! - doch der Scharfsinn des Loren sagte ihm, dass in diesem Fall etwas Geduld sich definitiv lohnte. Es gab hier irgendwo sicher Lebensmittelvorräte und zwar für die große Gruppe, die dieser Soldatenabschaum waren. Das verprach zumindest einige reichliche Mahlzeiten.
Der Bengel aber, den er betreuen musste, schien über diesen Voteil ganz bewusst zu wissen, denn er fing nun an, Kyas Geduld um neuen Maßen herauszufordern. Ein Lore war nie tolerant gegenüber Beleidigungen, die der Franzosentrottel gut auswendig gelernt hatte, vor allem aber hassten es Loren, beleidigt zu werden, wenn der Gegenüber der lorischen Sprache nicht mächtig war und dementsprechend auch ihre Gegenleistung nicht zu schätzen wusste, “Ei beni mene u Djannem ke berat rafta bi! Ei nasnasa bi namus!”, schimpfte er also – eher um sich zu beruhigen – entgegen, während er nun dem Blonden folgen musste. Dieses Mal packte er ihn besonders barsch am Arm, mit einem fast übermenschlich starken Griff, drehte diesen zu sich um und passte ihm zwei ganz sorgfältig ausgerechneten Ohrfeigen. “Keiner scherzt mit dem Essen!”, warnte er Jules, während zwei wilden bernsteinfarbigen Augen in die vergleichsweise leblosen Augen des Franzosen hinein bohrten. “Du kannst dich umbringen, wenn du willst aber keiner hier gefährdet Essensreserven der Gruppe.” Nun packte er ihn etwas lockerer am Arm und schüttelte ein Mal, “Kappiert oder ist das zu viel für dein Erbsenhirn?” Um sicher zu sein, dass die Sprachkenntnisse des anderen tatsächlich angewendet wurden, hob er leicht mit der anderen Hand Kelasch, “Das werde ich an dir nicht versgeuden, wenn du dich so sehr nach einem schnellen Tod sehnst.” Nun wurde der Franzose von Kya durch die selbe Gasse und in dieselbe Richtung geschubst, wo er hin wollte. Wäre er zufällig dabei gewesen, tatsächlich Kya zu ihren Vorräten zu führen, so wollte der Lore diese Chance auf keinen Fall verpassen.

Dienstag, 18. September 2012

Jules - Lâchement

Zu dumm, nicht wahr? Eigentlich wollte er nicht zurück zu diesen Leuten. Vor dem grossen Kerl mit den Dreadlocks, der ihn erst so zärtlich behandelt und kurz darauf Lucien zu Boden geschmissen und ihm den Schädel zertrümmert, der wie ein wildes Tier noch zwei andere Männer niedergemetzelt hatte, hatte Jules solchen Schiss, dass er ihn nicht wiedersehen wollte. Was war das nur für einer, der so freizügig lieben und im nächsten moment blutrünstig morden konnte?! Dem Rothaarigen, der Max hiess soweit das stimmte (und das hatte auch nur Jules interresiert, die anderen hatten nicht danach gefragt) würde er nicht in die Augen sehen können nach allem was sein Bruder und dessen Freunde ihm angetan hatten. Jules hätte ja etwas dagegen tun können, doch er hatte es einfach zugelassen als wäre es schon irgendwie in Ordnung, was es ganz und garnicht war. Ausserdem war da noch der Kleine, den er gefickt hatte, der ihm gerade aber auch scheissegal war obwohl er ihn prinzipiell ziemlich süss fand und vielleicht wiedersehen wollte. Jules hatte also (fast) keinerlei Ambitionen, zu diesem gestörten Haufen Kontakt zu suchen. Was allerdings wollte er denn sonst tun? Wo sollte er hin? Er hatte Angst. Panische Angst sogar. Zu dumm also, dass er zu feige war, selbstständig seinen eigenen Arsch  zu retten und sich lieber an diese komische Gruppe hängen wollte, die ihm nicht geheuer war.

Dass aus seinem Leben nichts werden würde, hatten ihm sämtliche Familienmitglieder ja seit jeher eingetrichtert und siehe da, sie sollten Recht behalten. So karg hatte er sich seine Zeit als junger Erwachsener allerdings auch wieder nicht vorgestellt. Während er halb im Delirium durch die Strassen wankte und möglichst viel Zeit schinden wollte, bis er sich den anderen anschloss, kam ihm ausgerechnet der unheimliche Junge entgegen, der ihn heute Morgen schon misstrauisch beäugt und aus der Ferne beinahe angeknurrt hatte. Jules wurde angesprochen und verstand natürlich kein Wort von dem, was der Typ da brabbelte aber der packte ihn grob am Handgelenk und zerrte ihn mit sich. Irgendwie machte er verständlich, dass er Essbares suchte und der Blonde konnte sich errinnern, dass sie noch einiges an Vorräten übrig hatten. Der ruppige Türke oder Araber oder was auch immer stapfte unelegant voran und hatte endlich Jules' Handgelenk losgelassen. Der murrte beleidigende Worte auf Französisch vor sich hin, hob dann den Kopf und starrte den anderen feindselig an. Ohne ihm zu erklären, was er vorhatte - wozu auch, dieser durchgeknallte Barbar verstand Jules' melodische, romantische Muttersprache doch sowieso nicht! - schlug er eine andere Richtung ein und verschwand in einer Gasse.

Max - Der Patient

Die tapferen Ritter hatten diese Schlacht gewonnen so schien es. Doch wie es im Krieg nun einmal läuft, hatte auch dieser Kampf ihre Opfer gefordert und ein junger, hitzköpfiger Mitstreiter hatte schwere Wunden davon getragen. Während nun alle ausgezogen waren um Vorräte zu sammeln und das Lager durch Schutzwälle zu sichern, war die Prinzessin mit dem Verletzten allein geblieben. Ihre Gedanken schweiften ab und sie musste wehmütig an den selbstlosen Einsatz der Ritter denken, die die fremde Söldnertruppe niedergeschlagen hatten, die der Prinzessin so viel Leid zugefügt hatte. Nun war sie frei und durfte sich vielleicht für den Moment in Sicherheit wähnen. Sie war froh, dass sie solch wunderbare, aufrichtige Männer, getrieben von kühner Tapferkeit kennen gelernt hatte und ihr Herz fühlte sich wieder ein wenig leichter an. Das Abenteuer würde nun beginnen.

Der Rotschopf hatte sich vorsichtig an den Rand des modrigen Sofas gesetzt auf dem der grosse Kerl mit den sonderlich gefärbten Dreadlocks lag. Sein Gesicht sah genauso grün aus wie seine Haare und zwar versuchte Zig Zag, wie er sich selbst nannte witzig zu wirken, doch strengte ihn das Reden so sehr an, dass er Max fast auf den Schoss kotzte. "Ich heisse Max und hatte nicht vor, dich allein zu lassen.", beruhigte er den Verletzten mit seiner tiefen, sanften Stimme und legte ihm dabei eine Hand auf den Kopf. Der Deutsche - sein Akzent verriet sicherlich, dass Englisch nicht seine Muttersprache war - ekelte sich nicht so schnell, hatte er soch bereits im zarten Kindesalter medizinische Fachbücher mit Fotos von den grausigsten Abartigkeiten, die die Natur an Krankheiten hervorbringen konnte verschlungen. Ungezwungen streichelte er dem anderen durch das verschwitzte, wirre Haar und beobachtete ihn aufmerksam. "Wenn es dir besser geht, will ich dich nochmal untersuchen. Es wäre schlecht, wenn du ernsthaft krank wirst. Sag mal ..", er sprach nun etwas gedämpft, weil ihm die nächste Frage unangenehm war, aber er war wirklich um diesen Verrückten besorgt, jetzt da es sein Patient war, "Ist dir so etwas schon einmal passiert? Dass du so total ausgerastet bist meine ich. Wir drehen hier ja alle ein bisschen durch aber naja.. gerade wirkst du ruhig." Seine langen Finger verhedderten sich in den unordentlichen Dreadlocks und Max zog kurz die Hand zurück. Einen Moment zögerte er, nahm dann aber eine Falte dieses dämlichen Kleides, das er immer noch trug und wischte Zig Zag damit sachte den Mund ab.

Jemanden berühren zu dürfen, frei von Gewalt, eine kurze zärtliche Geste zu verschenken. Oh, das Herz hüpfte der Prinzessin vor Freude in der Brust.

Sonntag, 3. Juni 2012

Zig Zag - Something 's wrong..

Alle waren sie irgendwie beschäftigt um ihn herum.

Mehr oder minder allein stand er noch da und zog lange an seinem Joint, der sicher genau so viel Gras enthielt wie eine Gewürzdose Basilikum. Aber irgendetwas Beruhigendes hatte es doch an sich. Alleine dieses tiefe Inhalieren, das extreme Ausweiten der Lungen und das lange, geschmeidige Ausatmen, der Blick dem Rauch folgend, der zwischen seinen Lippen hervorquoll wie dicke Suppe und sich mit dem Nebel über ihren aller Köpfen vermischte.
Ziggy lehnte sich an die Hauswand und schloss die Augen halb.

Er fühlte sich schwach und übel war ihm. Als müsse er gleich kotzen, so mitten auf die Strasse am Besten, direkt vor seine eigenen Füsse. Aber dazu müsste er wohl besoffen sein, sonst machte das keinen Spass.

Im Moment fühlte er sich wirklich einfach nur schlecht - und hätte ihm eine geile Braut heissen Sex von hinten in ihren engen Arsch angeboten, wäre ihm gerade echt nicht danach gewesen. So sehr ekelte er sich vor der ganzen Situation und auch irgendwo.. vor sich selbst..
Als er schliesslich so einige Zeit alleine dort stand, wurde es kalt. Irgendwo in der Ferne war ein Heulen zu vernehmen. Ziggy schlang die Arme um sich selbst. Diese Welt war zum Verrecken scheisse. Dieser dicke Nebel  würde sie alle verschlingen, und wenn nicht der Nebel, dann würde irgendetwas anderes sie alle töten. Er fing an zu würgen, hustete und spuckte schliesslich auf den Boden.

Schwindlig und schwach wankte er wieder zurück in die Behausung, in der nun kein Frühstück mehr stand und auch sonst absolut nichts einladend oder warm war 

Doch in der Tür stehend, immer noch die Arme um sich selbst geschlungen, erstarrte er kurz. Da auf dem Bett sass dieses fremde Wesen. Mit den endlos langen, roten Locken.

Ziggy räusperte sich kurz, reckte sich dann etwas hoch, machte sich grade. Doch dann schmerzte es ihn irgendwie unheimlich und ihm wurde wieder übel und er musste seinen Rücken etwas rund machen, um seinen gerade extrem schwachen Magen zu schützen Er taumelte zum Bett hinüber und lies sich einfach neben Max auf die Matratze fallen.

Dann sah er zu dem lockigen Weg hoch. Er selbst lag auf dem Bauch. Das war ganz angenehm. Und reckte seinen Kopf hoch und kniff etwas die Augen zusammen, um alle Gesichtszüge und Details mit einem Mal erfassen zu können. Doch so recht wusste er jetzt nicht, welches Geschlecht besagtes Wesen hatte. Irgendwie war es einerseits sehr weiblich aber die Gesichtszüge hatten etwas durch und durch maskulines an sich. Okay, es konnte der leichte Flaum am Kinn sein, aber den hatte er bei Frauen auch schon gesehen.
Er legte den Kopf wieder ab und gab ein lautstarkes Bäuerchen von sich.
Dann räusperte sich und schloss die Augen.
"He.. kraulst du mir 'n bisschen den Nacken? Ich denk' das lenkt mich vielleicht von diesem Kotzwunsch ab.. irgendwie scheint mein Magen grade Tassenkarussell zu fahren oder so.."
Er drückte sein Gesicht ins knittrige, dreckige Laken.

Er hatte ja eh nix zu verlieren. Aber kurz hob er noch mal grinsend den Kopf.

"Ich bin Ziggggggggyyy... aber.. ich glaub wir unterhalten uns... wenn's mir besser geht..."
Dann knallte sein Kopf wieder nieder und er musste furchtbar husten, sein Körper zuckte deutlich. Irgendwas stimme ganz ganz ganz und gar nicht mit ihm. Seine Muskeln verkrampften sich und es schmerze, als würde er innerlich brennen und als würde es überall an ihm zerren und reissen. Ziggy stöhnte vor Schmerz.

Sein Körper schien sich zu verändern. Ziggy rammte die dreckigen Fingernägel ins Laken. Als würde etwas in ihm wachsen und immer stärker und blutrünstiger werden und andererseits war ihm so zum Kotzen und nur noch das Kiffen beruhigte ihn...

Er hustete wieder und verschluckte sich fast dabei und Speichel liess aus seinem Mundwinkel.
"Bitte.. geh nicht weg..."

Dienstag, 8. Mai 2012

Kya - In the World*

Kya verstand zwar immer noch nicht, warum Ziggy ausgerechnet jetzt einen Spaziergang durch den verfluchten Franzosenkaff – es spielte keine Rolle, dass es bis zum Ende Deutschland gehört hatte, nach dem Ende hatten ja französische Soldaten es übernommen – machen wollte, doch es stand heute Morgen nicht in seinem Sinne, Fragen zu stellen. Heute Morgen wollte der kleine Lore so wenig wie möglich sprechen, bis er irgendwann aus dem französischen Albtraum des gestrigen Tages endgültig aufwachte. Erst dann wurde er wieder jener lorische Bursche, dessen einzige Gedanken ums Fraß und Rauchkräuter gingen, der von seiner Vergangenheit ein Gewehr, eine Kamantsche und fabelhafte Nomadenerinnerungen besaß.
Zigzag ging es aber trotz der Zaubertüte nicht gut. In seinem Kopf wahrscheinlich drehten nun die buntesten Illusionen mitsamt sein Erbrechen auf einem Karussell und frohlockten laut schreiend, Kya kannte nämlich den Stoff, den er in die Tüte gemischt hatte; die Strahlungen hatten auch ihre guten Seiten gehabt, nicht all das neue Gewächs war so nutzlos, wie die meisten glaubten. Als er nun brav und artig dem grünköpfigen Koch dabei half, anscheinend all seine Gedärme zu erbrechen, sah er Francis auf die beiden zukommen. Es war ihm danach, den Kopf umzudrehen und den Blick in andere Richtung zu wenden, sodass der Frontmann Adrenalins ihn nicht in die Augen sehen konnte, nicht den schweren Blick und die Reife im Blick des jungen Loren erkennen konnte. Francis aber schien auf anderen Dimensionen zu verweilen, denn zum aller ersten Mal vertraute er Kya eine äußerst wichtige Aufgabe an: er solle sich um die Nahrung der Gruppe kümmern, sowie ein Lore, der mit seinem geliebten Gewehr und auf dem Blitz schnellen Ross den Weg in die hohe Berge aufschlägt, um für seinen Stamm zu jagen. Der Amerikaner hatte seinen Satz kaum vollendet, da füllten sich Kyas Augen mit Stolz und Ernsthaftigkeit. Die Flammen loderten plötzlich wieder in die bernsteinfarbenen Augen und sein Gesicht sah wieder jünger aus. „Ich bringe ihn dann zurück ins Haus.“ sagte er und deutete mit dem Kopf auf seinen Lieblingskoch.
Es ging langsam, extrem langsam, da Zig sich weder von Kya tragen lassen wollte, noch konnte er richtig laufen, doch Kya war stolz auf dem kleinen Team, dass sie es dennoch rechtzeitig schafften. Die rothaarige Krankenschwester war nämlich dabei, das wertvolle Frühstück aufzuräumen: Brot, süße Marmelade und Salami! Es war der Wahnsinn! „Was machst du da?!“ beschwerte sich Kya sobald sie die Tür aufgerissen hatten. „Manche Leute könnten ernsthaft verhungern! Und das alles nach der ganzen Aktion von gestern!“ Und als wollte er Max beweisen, wie lebenswichtig es für ihn war, deutete er mit geweiteten Augen auf seinem Magen, der im selben Moment knurrte. Nachdem er Zig vorsichtig auf die Sofa herab geladen hatte, rannte er also zum Frühstück und stopfte sich den Mund gleich mit zwei Brotscheiben. Dass Salami und Marmelade nicht ganz zusammen passten, fiel ihm dabei gar nicht ein, umso besser, denn es schmeckte in seinem Mund mit einem Schlag süß, sauer und salzig, fettig und kräftig. Rion war nicht da und der Kleine - unabhängig davon, dass er und Kya ungefähr gleich groß waren - war sowieso nicht wirklich nahrungsfreundlich, Francis hatte das Frühstück schon verlassen und der Franzose musste jetzt auch sofort aufmachen. Das Mädchen hier wollte auch gerade das aufräumen, also blieben keine weitere hungrige Münde als Zig und Kya selbst, daher stopfte er sorglos noch zwei Stück in seinem Mund, während er versuchte, mit Hand und Bein und Kopf der Neuen zu erklären, dass er auch Zig was davon geben sollte, da Kya sich ja nun aufmachen musste. Nun nahm er eine fünfte Scheibe, aß die Salami und steckte die trockene Brotscheibe in einer seinen Hosentaschen. Wer wusste, wann und wo ihm der kleine Vorrat retten konnte? So hatte der junge Lore immer etwas Trockenfutter in seinen Taschen, denn manchmal hing einem das Leben von einer halben Trockenpflaume ab, damit man an Kräften blieb, bis man wieder etwas finden konnte. 
Alles in allem war Kya wie ordentlich abgefeuert; es wurde nämlich wieder etwas vernünftiges gemacht. Nachdem er das Frühstück mit etwas Wasser herunter gespült hatte, erklärte er dem Rothaarigen, dass er sich nun auf die Suche aufmachen musste und dass in seiner Abwesenheit dieser dafür zuständig war, auf Ziggy aufzupassen und dafür zu sorgen, dass er sich von den Wunden erholte. Es dauerte keine drei Minuten, bis der Junge all seine Sachen auf die Schultern geladen hatte, nach dem Kelasch gesehen hatte und wegbereit an der Türschwelle stand. Es war nicht schwer, es ihm anzusehen, wie er dieser Aufgabe gewachsen war. "Ich being' dir was gutes und dann essen und rauchen wir mal wieder ordentlich.", sagte er dann seinem Lieblingskoch zum Abschied, bevor er verschwand. Er musste nicht lange suchen, bevor er den Franzosen auf den Treppen vor irgendeiner Tür fand. Es gab ja hier nicht so viele Türen. "Hey", redete Kya den Blonden an, "wir müssen Futter suchen gehen, hat Francis gemeint: du und ich." Und wartete kurz, bis dieser ihn verstand. Wie viel er tatsächlich verstand, kümmerte Kya nicht wirklich. "Hast du hier ein Gewehr, das du mitnimmst? Dann holen wir es und wenn nicht, dann nehmen wir halt eins von den anderen für dich. So kannste dich ja nicht auf'm weg machen." Eine Art konsequente Wut war nicht nur in den lebhaften Augen, sondern auch in seinem Sprechton deutlich spürbar. Er konnte aber unmöglich den Erfolg seiner Mission gefährden, nur weil er diesen verwöhnten Schuljungen absolut nicht ausstehen konnte. "Ihr habt sicher auch irgendwo Reserven, oder? Die Toten brauchen nicht mehr zu fressen, das ist ihr Vorteil, also nehmen wir die Vorräte auch mit.", erzählte er, während die beiden sich auf dem Weg machten. 


* der Titel von Gorkys zweites autobiographisches Buch, auch bekannt als "Auf der Suche nach dem Brot"

Montag, 23. April 2012

Francis - Sterben ist..

Kein Hunger also. Francis sass nun allein auf dem staubigen Fussboden, betrachtete sein liebevoll zusammengestelltes Frühstück, das offenbar nicht die Würdigung erfuhr die es sicherlich verdient hätte und schob sich ein Stück hartes Brot, das mit getrockneten Tomaten verziert war in den Mund. Es schmeckte zwar wie Pappe mit Kleister und Tomatenpulver bestreut, war jedoch sicherlich nahrhafter. In seinem Kopf kreisten die Gedanken, sinnvolle und weniger schlüssige wärhend er geistesabwesend die Wand betrachtete von der die Tapete halb herabhing. Der Rotschopf, der sich kürzlich aus dem Nichts heraus zu ihnen gesellt hatte war offenbar zu schüchtern, um zu essen, denn er/sie (konnte man so sicher sagen, was dieses Wesen in dem rosa Kleid für ein Geschlecht hatte?!) kniete nur neben dem Sofa auf dem eben noch Zig Zag gelegen hatte und starrte betreten den Boden an. In der schlichten Annahme, dass der Neuzuwachs gutes, altes Amerikanisch-Englisch verstand, richtete Francis das Wort an Max: "Tuste mir den Gefallen und räumst hier auf? Ich geh' mal die anderen einsammeln. Keine Lust, länger als nötig hier 'rumzugammeln." Erschrocken riss der Angesprochene den Kopf nach oben und blickte Francis aus seinem weissen, mit Sommersprossen gesprenkelten Gesicht und aus grossen, hellgrauen Augen an, nickte dann aber. 

Die Luft roch nach.. naja.. irgendeinem Kraut jedenfalls und Francis erwischte sich dabei, wie er neidisch wurde, da er nicht erfahren durfte, was Zig Zag und Kya sich da in ihre Lungen knallten. Vermutlich fuchste ihn aber nur die Tatsache, dass er kaum mehr herkömmliche Zigaretten hatte. Nach einem so reichhaltigen Frühstück jedoch war es angebracht, sich ein bisschen Nikotin zu gönnen und so zog er aus einer fast leeren Schachtel in seiner Gesässtasche einen Glimmstengel hervor, schob ihn sich zwischen die trockenen Lippen und zündete ihn mit seinem Sturmfeuerzeug an. Das Ding hatte ihm bisher ausserordentlich gute Dienste geleistet. Sein Vorbesitzer hatte wohl auf gute Qualität bestanden. Neben dem Kifferdunst stieg Francis nach einigen Schritten ein weiterer, viel beissenderer Geruch in die Nase und zog ihn magisch an obwohl sich ihm der Magen umdrehte. Dass tote Menschen bereits nach so kurzer Zeit anfangen zu stinken war dem Amerikaner nicht wirklich bewusst gewesen, da er normalerweise nicht in unmittelbarer Nähe irgendwelcher verwesender Körper campierte. Er zählte drei Leichen während er sich zu einem der verrottenden Franzosen, dessen Kopf nur noch spärlich an seinem Hals befestigt war hinabbeugte, um ihm das Jagdgewehr zu entreissen, dass er noch umklammert hielt. Ganz einfach gestaltete sich dies dank der Totenstarre nicht, doch nach einigen Bemühungen hatte er der Leiche die Finger gebrochen und das Gewehr löste sich aus seinem eisernen Griff. Ehe der süsslich-faulige Geruch sich weiter in seinem Hirn festsetzen konnte und er den ganzen Tag an nichts anderes mehr denken würde, machte Francis endlich kehrt und liess sich von dem Nebel, den Kya und Zig erzeugten zu den zweien führen.

Entspannt sahen die beiden nicht wirklich aus aber das konnte man auch schlecht nach den gestrigen Turbulenzen erwarten, vorallem, wenn man notgedrungen versuchen musste, sich mit Löwenzahnblättern, Möhrenkraut und weiss-der-Geier-was zu beruhigen. Zig Zag sah verdammt bleich aus, roch nach Blut und Kotze und seine Hände zitterten dermassen, dass es ein Wunder war wie er es schaffte den Joint an seinen Mund zu führen ohne ihn sich versehentlich ins Auge zu drücken. Francis ging in die Hocke und suchte Blickkontakt zu Kya: "Wir bleiben hier bis es Zig Zag besser geht und in der Zwischenzeit sollten wir alles Brauchbare aus diesem Drecksloch zusammen horten. Ich will Rion suchen, der is' ma wieder verschwunden. Der komische Rotschopf wird keinen Grund haben, erst Zig zu verarzten, um ihn dann umzulegen, also.. kann ich ihn sicher kurz allein lassen.", dabei versuchte er, irgendwelche Zeichen von Zustimmung oder Einwände auf Ziggys Gesicht abzulesen aber der vermeintliche Jamaikaner wirkte immer noch völlig weggetreten und reagierte nicht. Francis' Griff um sein neu erbeutetes Jagdgewehr wurde etwas fester als er weiter sprach: "Der komische blonde Franzose ist weg. Wenn du ihn wieder findest, nimm ihn mit und quetsch' ihn drüber aus, wo die hier Futter und so versteckt haben. Ich trau' dem Typ zwar nich' aber besser du behältst ihn im Auge ehe er sich mit den Vorräten aus dem Staub macht oder so. Du kriegst das hin, richtig?". Natürlich würde Kya das hinbekommen und Francis war beinahe ein wenig überrascht mit wie viel Feuereifer der Kleine ans Werk gehen wollte. In diesem Moment fühlte es sich richtig an, ihn mit der wichtigen Aufgabe der Nahrungsbeschaffung zu betrauen. Als der Ex-Footballspieler sich wieder aufrichtete, stand der Rothaarige einige Meter entfernt und Francis bat ihn darum, kurz auf Zig Zag acht zu geben. Ganz wohl war ihm zwar nicht dabei aber da er sich sicher sein konnte, dass Rion sich in Schwierigkeiten bringen würde, wenn man ihn zu lange allein herum spazieren liess, wollte er selbst nach ihm suchen. Nach einem letzten, langen Zug, schnippte er seine Zigarette beiseite und begann seine Suchaktion.

Sobald er ausser Sichtweise war, sprang er mit einem gigantischen Satz auf das nächste Hausdach und setzte seinen Sprint über die glücklichweise nicht einsturzgefährdeten Dächer fort. Gute, deutsche Bauweise mit stabilen Dachstühlen! Lange brauchte er nicht zu rennen, denn schon ertönte ein spitzer Schrei, der seine Befürchtungen, Rion werde sich ins Unglück stürzen bestätigte. Das donnernde, animalische Gröhlen, das wie eine Antwort auf das Gekreische des jungen Briten ertönte, wies Francis die Richtung. Vom Dach eines Einfamilienhauses aus zielte er auf das Viech, das im Begriff war, einen panischen Rion zu Hackfleisch zu verarbeiten. "Fuck!" zischte er, denn mit Jagdgewehren hatte nicht wirklich viel Erfahrung. Als er den Abzug betätigte, traf er das Monster mitten in die mächtige Brust, Blut und Fleischfetzen spritzten, regneten auf Rion herab, der immer noch am Boden kauerte und das Vieh taumelte, fiel jedoch nicht zu Boden. Der Rückstoss des Jagdgewehres hätte den Amerikaner beinahe von dem Dach gefegt und er hatte sich nur mit Mühe gefangen. Mit einem gezielten Sprung landete Francis hinter Rion, wollte das Gewehr nachladen, denn das Monstrum bäumte sich vor Schmerzen bebend und brüllend auf und wollte sich auf Rion schmeissen. In diesem Moment wurde ihm erst bewusst, dass er nicht geprüft hatte, wie viel Schuss in dem Jagdgewehr gewesen waren und das Klicken verhöhnte ihn förmlich als ihm klar wurde, dass er keine Munition mehr hatte. Der Amerikaner machte einen Satz nach vorn, so dass er breitbeinig über dem am Boden liegenden Jungen stand, schmiss das nutzlose Gewehr beiseite und zog sein Jagdmesser, dass er am Gürtel trug, stemmte sich mit seinem ganzen Gewicht gegen das Vieh und rammte ihm das Messer in den Bauch. "WEG DA!" schrie er Rion an, der immer noch wie versteinert am Boden lag. Aus dem Loch, das das Gewehr dem Monster in die Brust gerissen hatte ergoss sich eine Unmenge von Blut auf Francis' Schultern, doch erst die zweite Wunde verlangsamte das Vieh endlich. Mit einem Ruck, der ihm beinahe das Handgelenk brach riss Francis sein Messer nach oben bis ihm die Organge seines Gegners entgegenquollen. Er badete in warmen Innereien, fühlte wie seine Beine unter dem Gewicht des Monsters nachzugeben drohten, zog sein Messer zurück und warf es beiseite und machte selbst einen Schritt nach rechts, um nicht von dem Monster erdrückt zu werden. Der staubige Erdboden fing den Koloss auf, die Innereien und das Blut gaben ein klatschendes Geräusch von sich und das Vieh verendete zuckend in einer riesigen Blutlache. 

Francis stand noch, doch seine Beine zitterten und auch sein Gesicht war kalkweiss. Jedoch spiegelte sich in seinen Augen keine Angst sondern Wut wider als er sich nach Rion umdrehte. "Scheisse!! Wieso machst du das?! Was wolltest du hier?!" brach es aus ihm hervor. "Willst du unbedingt sterben?!? Hat sich das gut angefühlt? Kurz vor'm Verrecken zu sein?? So drauf zu gehen fändest du gut, oder was?! Sterben ist scheisse!". Sein ganzer Oberkörper hob und senkte sich in einem unregelmässigen, schnellen Tempo, die Muskeln an seinem Hals zuckten vor Zorn, doch während er sich das blutdurchtränkte Hemd auszog, das an seinem blossen Oberkörper geklebt hatte, beruhigte er sich wieder ein wenig. "Ich hab' keine Lust darauf, dass in meiner Umgebung sinnlos Menschen sterben. Keine Ahnung, was in deinem Kopf vorgeht, wir sind alle am Durchdrehen aber wenn du.." er atmtete einige Male tief durch ehe er weitersprach und dabei setzte er sich auf den Boden, knapp neben das Blut, das unter dem toten Monstrum hervorsickerte. "Du bist mir wichtig, verdammt." seufzte er und klang dabei furchtbar erschöpft. Mit einer Hand strich er sich die schweissnassen Locken aus der Stirn, mit der anderen griff er nach seinem blutbefleckten Jagdmesser. "Können wir jetzt zurück und uns umziehen?"

Sonntag, 22. April 2012

Rion - Over and out

Rions vermeintliches Glück hatte sich in Luft aufgelöst. Er umarmte seinen mageren Körper mit beiden Armen selbst, als würde er frieren.

Da stehend, zwischen Tür und Angel hatte er weder Hunger noch war er wirklich scharf darauf, etwas von diesem widerlichen Mist zu essen, der da auf dem Boden verteilt wie eine magere Version eines Picknicks vor ihm ausgebreitet war.

Er wandt sich ab. Da sass nur noch Francis auf dem Boden und dem konnte er nicht in die Augen sehen.
Ziggy und der kleine Lore hatten den Raum gemeinsam verlassen. Wohl, um ihre Lungen zusätzlich zu dem ganzen nebligen Dunst, der verseucht und dick wie Kartoffelsuppe in der Luft hing, zu verdrecken. Was auch immer sie rauchten. So genau hatte Rion es nicht wissen wollen. Rückwärts, immer noch ins Zimmer hineinstarrend, schritt er davon. Abwesend setzte er schließlich einen Fuss vor den Anderen.

Rion zitterte. Nun wurde ihm wirklich kalt. Die kühle, feuchte Luft pappte sich in klebrigen Perlen auf sein Gesicht. Er rollte die Ärmel nach unten, seine Unterarme waren bereits eiskalt. 

Man erkannte nichts mehr, die Wipfel der Bäume und die nahen Berge waren kaum noch Umrisse, wenn überhaupt zu erahnen. Es war, als wäre es plötzlich November und der Winter würde einfallen. Als würden die Jahreszeiten in völliger Willkühr agieren und es gäbe weder Sinn noch Verstand dahinter. 

Rion umarmte sich selbst so fest, dass es fast schmerzte. Mit gesenktem Blick lief er  weiter, langsam, immer weiter ins Ungewisse hinein. Ganz langsame, vorsichtige Schritte, als war er sich nicht ganz sicher, ob er bleiben oder davonlaufen wollte. Manchmal waren da diese siffigen Gedanken: was hielt ihn eigentlich hier? Welchen Grund hatte er, nicht einfach davonzurennen, sich in die Finsterniss zu strürzen und sich geschlagen zu geben? Warum nur kämpfte er stetig weiter, als würde am Ende dieses langen und beschwerlichen Weges tatsächlich etwas Lobenswertes warten. Doch all die kleinen Siege, die er auf seiner Flucht vor dem allmächtigen Ende errugen hatte, waren doch nur kleine Momente des Glücks, die verrauchten und vergingen und von denen nichts mehr blieb als eine seichte, blasse Erinnerung. In seinem Inneren war er nie wirklich glücklich und würde es auch niemals werden. Also wieso.. Rion hob langsam den Kopf, völlig geistesabesend.. also wieso..  wieso tat er dann nicht den einen entscheidenden Schritt... wenn doch nichts ihn befriedigen konnte und nichts sein Herz mit Wärme erfüllte und all Das nur seichtes Spiel und Dummheit und kein Entkommen vor dem Schmerz war...

Egal was er tat, egal, mit wem er schlief.. irgendetwas fehlte immer. Irgendetwas liess immer dreckige Spuren in seinem Inneren zurück, die sich zu einer unendlich grausamen Leere ausgebreitet hatten...

Die rehbraunen Augen des jungen Briten hatten sein Gegenüber endlich erblickt. Völlig benommen blieb er mitten auf seinem Spaziergang durch den wunderschönen, vernebelten Süden der einstigen Bundesrepublik Deutschland, stehen als ein riesengrosses Tier sich vor ihm aufbaute. Das Fell völlig zerfetzt, die Augen blutrot und tränend und das Maul weit aufgerissen voller unbeschreiblich fleischiger, rot angefärbter, scharfer Reisszähne. Das Tier, einst ein Bär wohlmöglich, schien völlig von Sinnen und brüllte, dass die Erde um sie herum zu beben begann. Sein massiver Leib zuckte und schüttelte sich, er gaffte den Jungen lechzend an; das erste Fleisch seit Wochen.. und das Monstrum stürzte sich auf Rion.

Für einen Moment stand der Junge völlig still. Mit offenen, grossen Kinderaugen sah er den Tod auf sich zukommen. Was wäre.. was wäre... wenn er jetzt einfach hier stehen blieb, wenn er einfach stehen blieb und es geschehen liesse, sich nicht mehr wehrte und nur die Augen schloss und endlich Gott die Führung und die Hand überliss und den ganzen Schmerz und Scheiss einfach losliess und... starb...

.. und als das Wesen aus Fleisch und Hunger seine Pranken nach ihm streckte und ihn schlug, da stach es Rion wie mit tausend Messern ins Herz und er wich aus und gab einen markerschütternden Schrei von sich und schrie und schrie und wollte nicht aufhören zu schreien. Er knallte auf den Boden und schlug sich die Lippe auf und robbte hoch und patschte sich die Hände an den Gürtel und suchte nach seinem Colt, doch der war nicht da, der war nicht da! 

Und Rion blickte auf und vor ihm war dieses weit aufgerissene Maul mit den eitrig faulenden, blutigen Zähnen, aus dem der Geruch des Todes herausdrang und er wurde bleich und spürte, wie seine Blase nicht mehr hielt.