Montag, 23. April 2012

Francis - Sterben ist..

Kein Hunger also. Francis sass nun allein auf dem staubigen Fussboden, betrachtete sein liebevoll zusammengestelltes Frühstück, das offenbar nicht die Würdigung erfuhr die es sicherlich verdient hätte und schob sich ein Stück hartes Brot, das mit getrockneten Tomaten verziert war in den Mund. Es schmeckte zwar wie Pappe mit Kleister und Tomatenpulver bestreut, war jedoch sicherlich nahrhafter. In seinem Kopf kreisten die Gedanken, sinnvolle und weniger schlüssige wärhend er geistesabwesend die Wand betrachtete von der die Tapete halb herabhing. Der Rotschopf, der sich kürzlich aus dem Nichts heraus zu ihnen gesellt hatte war offenbar zu schüchtern, um zu essen, denn er/sie (konnte man so sicher sagen, was dieses Wesen in dem rosa Kleid für ein Geschlecht hatte?!) kniete nur neben dem Sofa auf dem eben noch Zig Zag gelegen hatte und starrte betreten den Boden an. In der schlichten Annahme, dass der Neuzuwachs gutes, altes Amerikanisch-Englisch verstand, richtete Francis das Wort an Max: "Tuste mir den Gefallen und räumst hier auf? Ich geh' mal die anderen einsammeln. Keine Lust, länger als nötig hier 'rumzugammeln." Erschrocken riss der Angesprochene den Kopf nach oben und blickte Francis aus seinem weissen, mit Sommersprossen gesprenkelten Gesicht und aus grossen, hellgrauen Augen an, nickte dann aber. 

Die Luft roch nach.. naja.. irgendeinem Kraut jedenfalls und Francis erwischte sich dabei, wie er neidisch wurde, da er nicht erfahren durfte, was Zig Zag und Kya sich da in ihre Lungen knallten. Vermutlich fuchste ihn aber nur die Tatsache, dass er kaum mehr herkömmliche Zigaretten hatte. Nach einem so reichhaltigen Frühstück jedoch war es angebracht, sich ein bisschen Nikotin zu gönnen und so zog er aus einer fast leeren Schachtel in seiner Gesässtasche einen Glimmstengel hervor, schob ihn sich zwischen die trockenen Lippen und zündete ihn mit seinem Sturmfeuerzeug an. Das Ding hatte ihm bisher ausserordentlich gute Dienste geleistet. Sein Vorbesitzer hatte wohl auf gute Qualität bestanden. Neben dem Kifferdunst stieg Francis nach einigen Schritten ein weiterer, viel beissenderer Geruch in die Nase und zog ihn magisch an obwohl sich ihm der Magen umdrehte. Dass tote Menschen bereits nach so kurzer Zeit anfangen zu stinken war dem Amerikaner nicht wirklich bewusst gewesen, da er normalerweise nicht in unmittelbarer Nähe irgendwelcher verwesender Körper campierte. Er zählte drei Leichen während er sich zu einem der verrottenden Franzosen, dessen Kopf nur noch spärlich an seinem Hals befestigt war hinabbeugte, um ihm das Jagdgewehr zu entreissen, dass er noch umklammert hielt. Ganz einfach gestaltete sich dies dank der Totenstarre nicht, doch nach einigen Bemühungen hatte er der Leiche die Finger gebrochen und das Gewehr löste sich aus seinem eisernen Griff. Ehe der süsslich-faulige Geruch sich weiter in seinem Hirn festsetzen konnte und er den ganzen Tag an nichts anderes mehr denken würde, machte Francis endlich kehrt und liess sich von dem Nebel, den Kya und Zig erzeugten zu den zweien führen.

Entspannt sahen die beiden nicht wirklich aus aber das konnte man auch schlecht nach den gestrigen Turbulenzen erwarten, vorallem, wenn man notgedrungen versuchen musste, sich mit Löwenzahnblättern, Möhrenkraut und weiss-der-Geier-was zu beruhigen. Zig Zag sah verdammt bleich aus, roch nach Blut und Kotze und seine Hände zitterten dermassen, dass es ein Wunder war wie er es schaffte den Joint an seinen Mund zu führen ohne ihn sich versehentlich ins Auge zu drücken. Francis ging in die Hocke und suchte Blickkontakt zu Kya: "Wir bleiben hier bis es Zig Zag besser geht und in der Zwischenzeit sollten wir alles Brauchbare aus diesem Drecksloch zusammen horten. Ich will Rion suchen, der is' ma wieder verschwunden. Der komische Rotschopf wird keinen Grund haben, erst Zig zu verarzten, um ihn dann umzulegen, also.. kann ich ihn sicher kurz allein lassen.", dabei versuchte er, irgendwelche Zeichen von Zustimmung oder Einwände auf Ziggys Gesicht abzulesen aber der vermeintliche Jamaikaner wirkte immer noch völlig weggetreten und reagierte nicht. Francis' Griff um sein neu erbeutetes Jagdgewehr wurde etwas fester als er weiter sprach: "Der komische blonde Franzose ist weg. Wenn du ihn wieder findest, nimm ihn mit und quetsch' ihn drüber aus, wo die hier Futter und so versteckt haben. Ich trau' dem Typ zwar nich' aber besser du behältst ihn im Auge ehe er sich mit den Vorräten aus dem Staub macht oder so. Du kriegst das hin, richtig?". Natürlich würde Kya das hinbekommen und Francis war beinahe ein wenig überrascht mit wie viel Feuereifer der Kleine ans Werk gehen wollte. In diesem Moment fühlte es sich richtig an, ihn mit der wichtigen Aufgabe der Nahrungsbeschaffung zu betrauen. Als der Ex-Footballspieler sich wieder aufrichtete, stand der Rothaarige einige Meter entfernt und Francis bat ihn darum, kurz auf Zig Zag acht zu geben. Ganz wohl war ihm zwar nicht dabei aber da er sich sicher sein konnte, dass Rion sich in Schwierigkeiten bringen würde, wenn man ihn zu lange allein herum spazieren liess, wollte er selbst nach ihm suchen. Nach einem letzten, langen Zug, schnippte er seine Zigarette beiseite und begann seine Suchaktion.

Sobald er ausser Sichtweise war, sprang er mit einem gigantischen Satz auf das nächste Hausdach und setzte seinen Sprint über die glücklichweise nicht einsturzgefährdeten Dächer fort. Gute, deutsche Bauweise mit stabilen Dachstühlen! Lange brauchte er nicht zu rennen, denn schon ertönte ein spitzer Schrei, der seine Befürchtungen, Rion werde sich ins Unglück stürzen bestätigte. Das donnernde, animalische Gröhlen, das wie eine Antwort auf das Gekreische des jungen Briten ertönte, wies Francis die Richtung. Vom Dach eines Einfamilienhauses aus zielte er auf das Viech, das im Begriff war, einen panischen Rion zu Hackfleisch zu verarbeiten. "Fuck!" zischte er, denn mit Jagdgewehren hatte nicht wirklich viel Erfahrung. Als er den Abzug betätigte, traf er das Monster mitten in die mächtige Brust, Blut und Fleischfetzen spritzten, regneten auf Rion herab, der immer noch am Boden kauerte und das Vieh taumelte, fiel jedoch nicht zu Boden. Der Rückstoss des Jagdgewehres hätte den Amerikaner beinahe von dem Dach gefegt und er hatte sich nur mit Mühe gefangen. Mit einem gezielten Sprung landete Francis hinter Rion, wollte das Gewehr nachladen, denn das Monstrum bäumte sich vor Schmerzen bebend und brüllend auf und wollte sich auf Rion schmeissen. In diesem Moment wurde ihm erst bewusst, dass er nicht geprüft hatte, wie viel Schuss in dem Jagdgewehr gewesen waren und das Klicken verhöhnte ihn förmlich als ihm klar wurde, dass er keine Munition mehr hatte. Der Amerikaner machte einen Satz nach vorn, so dass er breitbeinig über dem am Boden liegenden Jungen stand, schmiss das nutzlose Gewehr beiseite und zog sein Jagdmesser, dass er am Gürtel trug, stemmte sich mit seinem ganzen Gewicht gegen das Vieh und rammte ihm das Messer in den Bauch. "WEG DA!" schrie er Rion an, der immer noch wie versteinert am Boden lag. Aus dem Loch, das das Gewehr dem Monster in die Brust gerissen hatte ergoss sich eine Unmenge von Blut auf Francis' Schultern, doch erst die zweite Wunde verlangsamte das Vieh endlich. Mit einem Ruck, der ihm beinahe das Handgelenk brach riss Francis sein Messer nach oben bis ihm die Organge seines Gegners entgegenquollen. Er badete in warmen Innereien, fühlte wie seine Beine unter dem Gewicht des Monsters nachzugeben drohten, zog sein Messer zurück und warf es beiseite und machte selbst einen Schritt nach rechts, um nicht von dem Monster erdrückt zu werden. Der staubige Erdboden fing den Koloss auf, die Innereien und das Blut gaben ein klatschendes Geräusch von sich und das Vieh verendete zuckend in einer riesigen Blutlache. 

Francis stand noch, doch seine Beine zitterten und auch sein Gesicht war kalkweiss. Jedoch spiegelte sich in seinen Augen keine Angst sondern Wut wider als er sich nach Rion umdrehte. "Scheisse!! Wieso machst du das?! Was wolltest du hier?!" brach es aus ihm hervor. "Willst du unbedingt sterben?!? Hat sich das gut angefühlt? Kurz vor'm Verrecken zu sein?? So drauf zu gehen fändest du gut, oder was?! Sterben ist scheisse!". Sein ganzer Oberkörper hob und senkte sich in einem unregelmässigen, schnellen Tempo, die Muskeln an seinem Hals zuckten vor Zorn, doch während er sich das blutdurchtränkte Hemd auszog, das an seinem blossen Oberkörper geklebt hatte, beruhigte er sich wieder ein wenig. "Ich hab' keine Lust darauf, dass in meiner Umgebung sinnlos Menschen sterben. Keine Ahnung, was in deinem Kopf vorgeht, wir sind alle am Durchdrehen aber wenn du.." er atmtete einige Male tief durch ehe er weitersprach und dabei setzte er sich auf den Boden, knapp neben das Blut, das unter dem toten Monstrum hervorsickerte. "Du bist mir wichtig, verdammt." seufzte er und klang dabei furchtbar erschöpft. Mit einer Hand strich er sich die schweissnassen Locken aus der Stirn, mit der anderen griff er nach seinem blutbefleckten Jagdmesser. "Können wir jetzt zurück und uns umziehen?"

Sonntag, 22. April 2012

Rion - Over and out

Rions vermeintliches Glück hatte sich in Luft aufgelöst. Er umarmte seinen mageren Körper mit beiden Armen selbst, als würde er frieren.

Da stehend, zwischen Tür und Angel hatte er weder Hunger noch war er wirklich scharf darauf, etwas von diesem widerlichen Mist zu essen, der da auf dem Boden verteilt wie eine magere Version eines Picknicks vor ihm ausgebreitet war.

Er wandt sich ab. Da sass nur noch Francis auf dem Boden und dem konnte er nicht in die Augen sehen.
Ziggy und der kleine Lore hatten den Raum gemeinsam verlassen. Wohl, um ihre Lungen zusätzlich zu dem ganzen nebligen Dunst, der verseucht und dick wie Kartoffelsuppe in der Luft hing, zu verdrecken. Was auch immer sie rauchten. So genau hatte Rion es nicht wissen wollen. Rückwärts, immer noch ins Zimmer hineinstarrend, schritt er davon. Abwesend setzte er schließlich einen Fuss vor den Anderen.

Rion zitterte. Nun wurde ihm wirklich kalt. Die kühle, feuchte Luft pappte sich in klebrigen Perlen auf sein Gesicht. Er rollte die Ärmel nach unten, seine Unterarme waren bereits eiskalt. 

Man erkannte nichts mehr, die Wipfel der Bäume und die nahen Berge waren kaum noch Umrisse, wenn überhaupt zu erahnen. Es war, als wäre es plötzlich November und der Winter würde einfallen. Als würden die Jahreszeiten in völliger Willkühr agieren und es gäbe weder Sinn noch Verstand dahinter. 

Rion umarmte sich selbst so fest, dass es fast schmerzte. Mit gesenktem Blick lief er  weiter, langsam, immer weiter ins Ungewisse hinein. Ganz langsame, vorsichtige Schritte, als war er sich nicht ganz sicher, ob er bleiben oder davonlaufen wollte. Manchmal waren da diese siffigen Gedanken: was hielt ihn eigentlich hier? Welchen Grund hatte er, nicht einfach davonzurennen, sich in die Finsterniss zu strürzen und sich geschlagen zu geben? Warum nur kämpfte er stetig weiter, als würde am Ende dieses langen und beschwerlichen Weges tatsächlich etwas Lobenswertes warten. Doch all die kleinen Siege, die er auf seiner Flucht vor dem allmächtigen Ende errugen hatte, waren doch nur kleine Momente des Glücks, die verrauchten und vergingen und von denen nichts mehr blieb als eine seichte, blasse Erinnerung. In seinem Inneren war er nie wirklich glücklich und würde es auch niemals werden. Also wieso.. Rion hob langsam den Kopf, völlig geistesabesend.. also wieso..  wieso tat er dann nicht den einen entscheidenden Schritt... wenn doch nichts ihn befriedigen konnte und nichts sein Herz mit Wärme erfüllte und all Das nur seichtes Spiel und Dummheit und kein Entkommen vor dem Schmerz war...

Egal was er tat, egal, mit wem er schlief.. irgendetwas fehlte immer. Irgendetwas liess immer dreckige Spuren in seinem Inneren zurück, die sich zu einer unendlich grausamen Leere ausgebreitet hatten...

Die rehbraunen Augen des jungen Briten hatten sein Gegenüber endlich erblickt. Völlig benommen blieb er mitten auf seinem Spaziergang durch den wunderschönen, vernebelten Süden der einstigen Bundesrepublik Deutschland, stehen als ein riesengrosses Tier sich vor ihm aufbaute. Das Fell völlig zerfetzt, die Augen blutrot und tränend und das Maul weit aufgerissen voller unbeschreiblich fleischiger, rot angefärbter, scharfer Reisszähne. Das Tier, einst ein Bär wohlmöglich, schien völlig von Sinnen und brüllte, dass die Erde um sie herum zu beben begann. Sein massiver Leib zuckte und schüttelte sich, er gaffte den Jungen lechzend an; das erste Fleisch seit Wochen.. und das Monstrum stürzte sich auf Rion.

Für einen Moment stand der Junge völlig still. Mit offenen, grossen Kinderaugen sah er den Tod auf sich zukommen. Was wäre.. was wäre... wenn er jetzt einfach hier stehen blieb, wenn er einfach stehen blieb und es geschehen liesse, sich nicht mehr wehrte und nur die Augen schloss und endlich Gott die Führung und die Hand überliss und den ganzen Schmerz und Scheiss einfach losliess und... starb...

.. und als das Wesen aus Fleisch und Hunger seine Pranken nach ihm streckte und ihn schlug, da stach es Rion wie mit tausend Messern ins Herz und er wich aus und gab einen markerschütternden Schrei von sich und schrie und schrie und wollte nicht aufhören zu schreien. Er knallte auf den Boden und schlug sich die Lippe auf und robbte hoch und patschte sich die Hände an den Gürtel und suchte nach seinem Colt, doch der war nicht da, der war nicht da! 

Und Rion blickte auf und vor ihm war dieses weit aufgerissene Maul mit den eitrig faulenden, blutigen Zähnen, aus dem der Geruch des Todes herausdrang und er wurde bleich und spürte, wie seine Blase nicht mehr hielt.