Mittwoch, 26. Januar 2011

Max - Die Prinzessin im Turm

Es war einmal in der Landeshauptstadt, da lebte ein Junge von gerade 15 Lenzen mit feuerroten Haaren und strahlend blauen Augen glücklich und zufrieden mit seinen Eltern und genoss sein Leben. Seine Mutter und sein Vater liebten ihn sehr und der Junge ahnte nichts von dem Unglück, das das Schicksal ihm vorbestimmt hatte. Doch dann kam der Krieg und zerriss die Familie auf grausame Art und Weise. Da war der rothaarige Junge plötzlich schrecklich allein auf der Welt und musste viele Jahre der Qual durchleben. Nur seine Erinnerungen an eine Zeit voller Wärme und Zuneigung waren ihm geblieben..

Auch nach dem Krieg war das Volk noch ständig auf der Flucht und es war nicht ratsam zu lange am selben Ort zu bleiben. Auch der Rotschopf zog durch das Land und suchte vergeblich nach einem ruhigen Plätzchen an dem er bleiben konnte. Wo auf diesem gottverlassenen Planeten sollte er je wieder ein zu Hause finden?

Da geschah es, dass er in ein kleines Dorf kam, das seine einsame Wanderschaft schlagartig beenden sollte. Eine Truppe Söldner aus einem fremden Land hatte das Dörfchen fest in ihrem eisernen Griff und beinahe alle ehemaligen Bewohner hatten entweder die Flucht ergriffen oder waren davon gejagt worden. All ihr Hab und Gut, ihre spärlichen Vorräte, die ihnen durch die harten Zeiten hätten helfen sollen war ihnen geraubt worden und sie waren gezwungen worden ihre Heimat zu verlassen. Diese grausamen Männer waren durch den Krieg hart geworden und hatten ihre Herzen verloren. Dem Rotschopf fiel nur allzu spät die düstere Atmosphäre und gespenstische Stille auf, die in dem Ort herrschte und so wurde er zum Gefangenen der fremden Männer.

Nachdem sie beraten hatten, wie sie mit ihrem neu errungenen Spielzeug verfahren sollten, warfen sie dem rothaarigen jungen Mann ein verträumt verziertes Frauenkleid vor die Füsse und befahlen ihm, es anzuziehen. Die langen roten Locken, die wie ein wild loderndes Feuer strahlten und die zarte, alabasterweisse Haut, die mit hübschen Sommersprossen gesprenkelt war hatte die Männer dazu bewegt, ihren Gefangenen nicht zu töten. Doch fortgehen durfte er nun auch nicht mehr.

So wurde aus dem Rotschopf eine Prinzessin. Um jede Fluchmöglichkeit zu verhindern, sperrten die Söldner ihren kostbaren Schatz in einen gut verriegelten und unerklimmbar hohen Turm und schmiedeten ihm eine dicke, eiserne Kette an das Bein. Der Prinzessin ward jedes Mal schwer um's Herz wenn sie Schritte hörte, die die Ankunft ihrer Peiniger ankündigte. Viele Qualen und und unsagbare Schmerzen musste sie von nun an tagtäglich erleiden und sie sehnte sich nach vergangenen Zeiten. Ach, wie lange nur würde die Prinzessin noch leiden müssen? Wann würde endlich ihr Prinz kommen, um sie zu befreien? Sicherlich musste es einen edlen Ritter geben, der bereits auf dem Weg war, um ihr zu Hilfe zu eilen. So verlangte es ein ordentliches Märchen.

Mit tränenverhangenem Blick stand die Prinzessin an einem trüben Sommertag am winzigen, vergitterten Fenster und ihre Augen sahen Bilder, doch sie drangen nicht zu ihr durch bis urplötzlich ein junger Mann vor ihr auftauchte und sie beinahe zu Tode erschreckte. Voller Furcht hatte die Prinzessin sich im Schatten versteckt, kam aber scheu und ängstlich wieder hervor als die fremde Stimme erklang, die versicherte, der Jüngling habe nur gute Absichten. Er schien die Landessprache zu kennen, doch verriet seine Ausdrucksweise, dass er von weit her gereist war. Der junge Mann strahlte so viel edle Anmut und gleichzeitig feurigen Tatendrang aus. Ohne zu zögern hatte er im Nu den Turm erklommen und die Kette zerschmettert, die den schmalen Fussknöchel der Prinzessin wie eine bösartige Würgeschlange umklammert hielt. Ungläubig starrte die Prinzessin den fremden jungen Mann aus grossen, himmelblauen Augen an und brachte kein Wort heraus. War er das? Der edle Prinz? War er endlich gekommen, die Prinzessin zu retten, sie zu befreien und ihr Herz zu erobern? So musste es sein! Das Schicksal hatte es nach so langer Zeit endlich gut mit der Prinzessin gemeint und ihr einen mutigen Ritter geschickt, der sie fortbringen sollte, sie aus ihrem Unglück reissen sollte. So lebten sie glücklich und zufrieden und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie nocht heute.

Schön wär's. Märchen sind eben doch nur etwas für kleine Kinder und naive Erwachsene. Der Rotschopf erwachte nach einer gefühlten Ewigkeit aus seiner Starre. "Danke.." brachte er heiser heraus und sicherlich war es irritierend dass ein Wesen in einem so hübschen Kleid mit einer so tiefen Stimme sprach. "Du.. du nimmst mich mit dir?" fragte er ungläubig und ging einen Schritt auf Rion zu, wobei der Rest Kette, der noch an seinem Knöchel hing laut rasselte. Sein Englisch war gut verständlich, jedoch mit einem starken, deutschen Akzent gebrandmarkt. "Ja, ja, bitte. Wir.. wir müssen abhauen!" flehte er dann und wollte eben mit seinem Retter losstürmen als von draussen ein Schuss ertönte. Der ohrenbetäubende Knall zerriss die gespenstische Stille, die über dem Ort gelegen hatte und Max griff, ohne es wirklich zu bemerken nach Rions Hand. Sein Herz raste so schnell, dass es ihm aus der Brust zu springen drohte und er wollte sich keinen Centimeter mehr fortbewegen, so sehr lähmte ihn die Angst. Etwas Schreckliches geschah da draussen und er wollte nicht Teil des grauenhaften Ereignisses werden. Nicht jetzt, da endlich sein Prinz aufgetaucht war, um ihn zu retten.

Freitag, 21. Januar 2011

Rion - selflessness

Vor Jahren war er schon hier gewesen, hier, im südlichsten Eck Deutschlands, an der Grenze zu Frankreich, wo sich ein unbeschreiblich abgelegener Winzerort an den nächsten reihte. Sein Vater hatte große Angst vor Flugzeugen gehabt und ebenso fürchtete er sich vor der Mitte der 10er erbauten Untergrundbahn, die Europa mit Großbritannien durch einen Unterwassertunnel verband. So nahm also seine Mutter, die liebliche und starke Flora-Mel den jungen Noctiserben mit auf ihre, wie sie meinte, lebenswichtige Reise durch die Welt. Jeden freien Tag, den sich die Herrin des Hauses nehmen konnte, durfte Rion an der festen Hand seiner Mutter die wundervolle Welt in ihren einzigartig bunten Farben hautnah erleben. In Indien waren sie gewesen, im Kongo, Japan, die chinesische Mauer, Russland, die Staaten, Europa in seiner vielfältigen Pracht aus italienischen Gondeln und deutscher Gutbürgerlichkeit. Er erinnerte sich gut, an die hohen Berge übersät mit Weinreben, in vollkommenem Grün der unterschiedlichsten Farben gehalten, die Ruhe, die über diesen Orten lag, wie heilvoller Balsam aus Blüten und duftender, satter Natur gehüllt in, wie es ihm damals vorkam, unbeschreiblichem Sonnenschein.
Hier, auf dem Weg durch dieses oft kontroverse Land musste er fast Kotzen, jedes Mal, wenn er sich erinnerte. Ihm war die ganze Zeit nur schlecht und er starrte unentwegt auf den Boden. Die Anwesenheit ihres neuen Gruppenmitglieds machte es zum Teufel noch eins auch kein bisschen leichter. Dieser Typ war Rion mehr als suspekt. Er wusste nicht genau, WAS es war, aber irgendetwas an diesem Kyanousch, der wohl ein Mischling aus persischem Nomaden und dämlichem Störenfried war, irritierte ihn aufs heftigste. Warum mussten die Zwei auch jeden Deppen mitnehmen, den sie irgendwo fanden? Vor ALLEM, weil dieser Kya sie auch noch in schwerste Lebensgefahr gebracht hatte. Rion sprach die ganze Wanderung kein einziges Wort, Wut glühte in seinem Bauch, es war ein brennendes Gefühl, dass ihm hoch in die Kehle stieg. Ab und zu machten sie Pausen, als würden die anderen glauben, seine Füße täten weh. Er weigerte sich nicht, hockte sich auf den kargen, brachen Boden und drückte das Gesicht in seinen Rucksack. Die unendliche Einsamkeit frass ihn auf. Jetzt, wo er sich gerade an sie gewöhnt hatte, an diesen Amerikaner und seinen Freund, jetzt wurde diese zarten Bande durch jemand völlig Fremden in Stücke gerissen, einem Menschen, dem es völlig gelang, die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.

"Mutti, ich wusste gar nicht, dass die Sonne so lang am Stück scheinen kann!"
"Wir sind hier ja auch nicht in London.... schau mal, was für ein lustiger Hydrant!"
"Der macht mir Angst,,,,,"

Völlig in seine Gedanken ver
sunken hatte er kaum bemerkt, dass sie anderen stehen geblieben waren. Vor ihnen lag ein Ort und durch Rions trüben Schleier von einem Blick, vernebelt von Gefühlen der tiefsten, abscheulichsten Art, war es ihm nicht gelungen, das Schild zu entziffern. Erst, als Francis den Namen so völlig widerwärtig aussprach, zuckte es in ihm. Er war schon ein Mal hier gewesen.
Der Ort war völlig verkommen. Sie hatten ein Mal hier übernachtet, glaubte er zu meinen. Es war eine absolute Geisterstadt, die Straßen waren zerstört und zerstückelt worden, übersät von Schlaglöchern. Die Fenster waren eingeschlagen und mit Brettern wieder zugenagelt worden Es war abartig hier. Er lief in den Ort hinein, den Rucksack fest an den Rücken gepresst und an sich gezogen blickte er sich um, nach links und nach rechts. Es lag eine heidnische Stille über dem Ort. Er betrachtete den Boden. Widerwärtig, was aus der Welt geworden war. Rion schluchzte, biss sich auf die Unterlippe. Warum? Warum waren Menschen zu so etwas Grauenhaftem in der Lage. Der Brite kickte einen Stein mit seinem Fuß beiseite. Ohne zu überlegen spazierte er weiter, seine weit aufgerissenen, traurigen Augen suchten nach Leben in diesem Ort. Und da stockte er plötzlich. Ihm drehte es den Magen um, verängstigt und angeekelt starrte er ihn an. Den Hydranten. Den lustig bemalten Hydranten.

"WARUM ZUM TEUFEL BIST DU NOCH HIER!?", schrie er das Ding an und kickte mit voller Wucht dagegen, schrie auf und krachte vor Schmerz fast schon heulend auf dem Boden zusammen. Das Ding war hart wie Zement! Rions Füßchen dagegen nicht. Schniefend hielt er mit der Hand seine Zehen umklammert, als er Stimmen vernahm. Männerstimmen. Wie vom Blitz getroffen, das Adrenalin schoss wie Gift in seine Adern, stieß er sich vom Boden an, blickte sich panisch um. Schritte! Sie kamen näher, Männer die lachten und mit starkem Gang die Straßen zum Beben brachten. Wo, Wo, WO SOLL ICH MICH VERSTECKEN!? Bilder schossen in seinen Kopf. Nein, nein, keine Soldaten, keine Soldaten! Er war sich in eine Gasse hinein, mit dem Rucksack voraus, krümmte sich im Schatten zusammen und hielt die Luft an. Bitte, bitte, seht mich nicht!

"Echt geiler Fang, den wir da gemacht haben!"
"Jaaaa... Endlich mal wieder ordentlich was zum Ficken!"
Sie lachten.

Ihre Schritte halten an Rions Versteck vorbei. Sie hatten ihn nicht bemerkt. Fast schon grün vom Sauerstoffentzug wartete er noch einen Moment ab, packte dann sein Zeug und stürmte aus der Gasse hinaus nach draußen, in die Richtung, aus der die Soldaten gekommen waren. Kopf nach links, nach rechts, er schnaufte. Wie vom Teufel getrieben suchte er etwas, er wusste nicht was und ahnte nicht, was er zu finden hoffte. Ein Summen vernahm er. Zusammenschreckend spürte er den Drang zu folgen. "Hey!" Die Gefahr, von den Penisgesteuerten Kriegern gehört zu werden, war groß. Doch das Blut pochte durch seinen Kopf, sein Denken war begrenzt. Das Summen verstummte. Plötzlich war stille. Da erblickte der Brite es. Ein Häuschen, klein und schief, mit vergitterten Fenstern, ein Schatten bewegte sich dahinter, wich vor der fremden Stimme zurück. Rion umklammerte seine Uzis am Gürtel. "H.. hey..!" Er lief zu dem Schuppen, umgriff die Gitterstäbe und versuchte zu erahnen, was darin verborgen war. "Keine Angst.. ich..." Fuck. Er musste es auf deutsch sagen. "... Ich..... komme in Frieden..?" Ihm ward übel von seiner eigenen schlechten Aussprache. Doch der Schatten schien sich zu bewegen. Rote Locken umspielt vom Zwielicht des dumpfen Sonnenlichts, ein Gesicht kam zum Vorschein, übersät von Sommersprossen. In ein pastellroséfarbenes Kleid gekleidet blickte ihn aus dem düsteren Raum, durch die Stäbe hindurch ein verängstigtes Wesen an. Rion starrte zurück. Blinzelte. Verzog das Gesicht. "Ach du meine Güte...", sprach er wieder auf Englisch. "Diese Schweine haben dich gezwungen, ein Kleid anzuziehen? Und ich dachte, ich hätte die übelsten Sachen schon erlebt.." Er sah sich um. "Wo ist die Tür?" Er rüttelte an den Gittern. "Die müssen doch hier irgendwie raus und wieder rein kommen...... " Er liess vom Fenster ab. Irgendwo musste der Eingang sein. Um das Haus herumlaufend entdeckte er eine kleine Tür, die versperrt war. Er trat dagegen, doch er war zu schwach. "DAMN!" Wie von unbändiger Wut geleitet zog er seine Knarre zu schoss das Schloss in zwei Teile. Er würde diesen Mistkerlen, diesen Schweinen, diesen WIDERLINGEN bestimmt kein Spielzeug hier lassen! Nein, BESIMMT NICHT! Diese Männer verdienten alles, den Tod, Verderben, einen Pfosten in den Arsch! Aber bestimmt kein unschuldiges männliches Wesen, an dem sie sich vergehen konnte! Der Brünette stürmte in den Raum hinein. Der Rothaarige war angekettet. Ohne zu überlegen drückte er ab, die Kette, die am Bein des Fremden befestigt war, zerplatzte in hundert Teile. "Du bist frei..", schnaufte Rion, fuhr sich durch das tatsächlich verschwitzte Stirnhaar. Was tat er hier? Er liess den Kopf sinken. "Wir... sollten abhauen... schnell..!" Er hob den Blick wieder. "Sie kommen bestimmt gleich wieder! Pack dich, wir müssen hier weg!"

Donnerstag, 20. Januar 2011

Kyanousch, Kya und seine Farben

„Nein!“, regte sich der Junge auf, „Für den Sommer haben wir riesige Zelten aus echter Wolle und im Winter sind wir dann unten in unseren Burgen, zu unserem Stamm gehörten drei, zwei davon direkt im Besitz von meinem Großvater!“, korrigierte er den Jamaikaner, deutlich irritiert, wie wenig man von Loren wusste. Doch es war nur das erste Mal von vielen Wiederholungen, von dem Kya zu dem Zeitpunkt noch nichts wissen konnte. Diese westliche Truppe hatte – wie Mehrteil der Bevölkerung der alten Welt – keinen Schimmer Ahnung weder von den Loren noch von ihrem Leben, egal ob jetzt städtische Loren oder die Nomaden der Hochgebirge Zagros.
Sie waren schon mit dem Essen da, das auf der heutigen Welt viel mehr bedeutete als jegliche Reichtümer oder Macht, es war beide Reichtum und gleichzeitig Macht, wenn man nicht Hungern musste. Wenn man dann dazu noch einen sicheren Dach über dem Kopf hatte und konnte sich gegen andere Lebewesen wehren, dann durfte man sich als die mächtigsten der Welt zählen. Kya war froh, nicht zu den machtlosen zu gehören und im Anbetracht der Essens- und Waffenvorräte dieser kleinen Truppe, konnte man sie auch ruhig stark nennen. Immerhin hatten sie es solange geschafft und waren alle drei noch in einem kohärenten Stück. Als der ZigZag ihn dem Rest vorstellte, fügte der Lore mit einer warmen, stolzen Stimme hinzu, „Kyanousch ist der Name, doch lieber nennt mich Kya als welche komische Lauten, die angeblich mein Name sein sollen.“ Ohne weiteres nahm er dann ZigZags Einladung an und setzte sich neben ihm. Obwohl der Grünkopf schon erklärt hatte, dass die kleine, gelbliche Figur nicht krank war, warf Kya ihm vorsichtig vom Augenwinkel einen mitleidenden Blick zu, der sah zu erbärmlich aus und schien gar nicht wie die anderen zwei glücklich darüber, in einer Gruppe herum wandern zu können. Schweigend aß Kya erstmal seinen Ravioli und lauschte nur die Gespräche der beiden Männer. Er konnte trotzdem nicht feststellen, was diese mit ihm vorhatten.
Die nächsten Tage gab es auch keine Hinweise, als würden sie wirklich ihn bei sich als ein Mitglied dieses komischen Adrenalins haben wollen. Nachts schlief Kyanousch nie richtig ein aus Angst davor, sie mochten ihm im Schlaf etwas antun. Manchmal lag er auch wach da und überlegte sich, ob er die drei umbringen und wieder alleine weiter ziehen sollte, weil er nicht verstehen konnte, was man von ihm erwartete bzw. wozu sie ihn bei sich behalten wollten. Auch Kya hatte genug vom Krieg und von der neuen Welt gesehen, um rosaroten Marihuanaträume nicht mehr zu glauben. Zum Glück schlugen sie wieder den Weg, bevor es mit dem kleinen Loren richtig kritisch wurde. Wandern hatte vor allem den Vorteil, dass der Körper viel zu sehr beschäftigt war, um noch das Hirn mit genügend Blut und Nahrung für Gedanken zu versorgen, weswegen man weniger dachte, vor allem wenn man auch einen wie ZigZag dabei hatte, der beim Bedarf stundenlang reden konnte, deswegen und dazu noch aus Vorsicht – dem kleinen Schwächling zu lange zu nahe zu stehen – ging Kya meist neben ZigZag, am besten zwischen ihm und dem Amerikaner, irgendwie wurden ihm die beiden unterwegs viel sympathischer als sie es in der kleinen Pension waren.
Dank seinem lorischen Hintergrund – wie er es selbst erklärte – besaß Kya einen beinahe hervorragenden Orientierungssinn, wie es sich erwies. Dazu konnte man schnell feststellen, dass der Junge ein Instinkt für essbare Pflanzen hatte, ob als Zutat, Gewürz, zum Tee oder Medizin, pflückte und sammelte er hier und da Blätter, Wurzeln, Samen, trockene Früchte oder manchmal kleine Ästchen, die er dann entweder in einer seiner zahlreichen Hosentaschen oder die größeren Teile in seinem Rücksack weiter trug. Er war auch voll beladen, denn neben seinen Hosentaschen und seinem Rücksack schleppte er immer und überall seine Kelasch mit, die er nur manchmal zum Essen absetzte und dazu noch einen schwarzen Kasten, ähnlich wie der einer Violine, nur weniger breit und länger. Das alles sollte ihn eigentlich zu einem perfekten Weggefährten machen wenn es bloß nicht für sein Gemüt gewesen wäre, denn dieser Bakhtyarsohn Kyanousch war alles andere als berechenbar. An manchen Tagen war Kya ein Kamerad wie nur gewünscht: hilfsbereit, frohsinnig, humorvoll, gesprächig, gehorsam, verständnisvoll, feinfühlig und locker im Umgang, dann war kaum eine einzige Nacht vergangen wandelte sich der Kleine in ein ganz anderes Wesen: distanziert, ständig genervt, besserwisserisch, leicht rebellisch, verbittert, egoistisch. Nur hatten sie Glück, dass er nie aggressiv und gewalttätig wurde. Dazu wurden aber die Gedanken an Flucht immer ferner.
Der Tankstellentour neigte endlich seinem Ende zu, als von der Ferne ein kleines Kaff zu erkennen war. Ob sie da was finden wurden oder nicht, konnte man nie wissen, man mochte auch da den Feind finden oder paar Monster. Kya hatte sogar mal gehört, dass es in manchen Orten noch was wie eine Militär gab, doch er hielt es viel mehr für die Mythen der Neuzeit, die man bekanntlich immer brachte. Als sie endlich angekommen waren, kundigte der Anführer dieser Truppe in allem Stolz den Namen des Ortes an... oder war es mindestens so gemeint, als er dann erst mal eine Runde lachen musste, bis er weiter sprach. Kyanousch hob ein Augenbraue, er hatte rein gar nichts verstanden und war dabei fast sicher, dass es nicht nur an dem Lachen des Amerikaners lag. Nun trat er hervor und stand vor dem Schild, sein anders Augenbraue wanderte auch auf dieselben Höhe. Ein paar Sekunden gab er sich Mühe, was man daran erkannte, dass seine Lippen, offen, versuchten, sich zu irgendeiner Form zu bewegen, doch nicht wirklich erfolgreich. Endlich gab er nach, drehte sich zu den anderen um und fragte gestört, „Wie spricht man der dämliche Scheiß überhaupt?“

Montag, 10. Januar 2011

Francis - Achkarren-Kreuzmatten

So eine Mahlzeit schmeckt doch in der Gruppe immer viel besser! Jetzt da sie zu viert waren, wurde es richtig gemütlich und auch die Tatsache, dass ihre Vorräte jetzt reichen mussten um einen weiteren hungrigen Magen zu füllen konnte Francis' Glücksgefühl nicht trüben. Es war schon ganz gut so gewesen, dass Zig Zag und der Neue so unerwartet hereingeplatzt waren und damit die eigenartige, beinahe schom homoerotische Spannung zwischen Francis und Rion aufgelöst hatten. Nun sassen alle mehr oder minder friedlich beieinander und schlangen das erstaunlich geniessbare Dosenfutter hinunter. Zwischen zwei Löffeln voll schmackhafter Ravioli gestand der Amerikaner Kya zu, dass dieser einen ungewöhnlichen aber stimmigen Namen hatte. "Ehrlich.. ich bin so froh, dass wir alle heil davon gekommen sind! Wir sollten zusammen halten. Wir sind schliesslich alle Überlebenskämpfer, hm?" teilte er dem kleinen Loren noch mit halbvollem Mund mit, was seine Worte sicherlilch nicht verständlicher machte. In dieser Nacht schliefen sie alle im selben Zimmer, um sich gegen die Kälte zu schützen. Francis hatte schon lange nicht mehr so gut geschlafen. Jedes bisschen mehr Leben in dieser trostlosen Scheisse in der sie gelandet waren erfüllte sein Herz mit einer Art Wärme, die er ab und an zu vergessen drohte.

Nach wenigen Tagen war in der Pension und in den kleinen Läden, in denen meist nur Souvenirs und sinnloser Krimskrams herumlag nichts mehr zu holen. Die Jungs packten ihre Vorräte und die Isomatten und Schlafsäcke zusammen und nachdem sie alle eingehend eine selbstverständlich veraltete Karte in einem abgewetzten Schulatlas studiert und skeptisch einen Kompass befragt hatten, stand der Entschluss fest, weiter Richtung Westen zu ziehen. Francis hielt an seinem Plan fest, den er gefasst hatte noch bevor sie Kya begegnet waren. Seiner Meinung nach lag ihre einzige Chance darin, die Küste zu erreichen. Da es ein Ding der Unmöglichkeit wäre, zu versuchen die Alpen zu überqueren, waren sie seit Monaten auf dem Weg Richtung Frankreich, um über Spanien nach Portugal zu gelangen. Dann wären sie am Atlantik angelangt. Und dann.. ja dann. So weit hatte selbst Francis noch nicht gedacht aber bis dahin war ja auch noch reichlich Zeit.

Sie legten so viele Kilometer am Tag zurück wie möglich. Dabei machten sie aber auch so viele Pausen wie eben nötig waren und keiner dachte auch nur einmal daran, zu meckern wenn sie wegen Rion, der körperlich in einer schlechteren Verfassung als der Rest der Gruppe war öfter Halt machen mussten. Kya erwies sich als launisches kleines Wesen. Während er manchmal in seinem Redefluss kaum zu stoppen war und eine abenteuerliche Geschichte nach der anderen von seinem Stamm erzählte, wurde er ab und an mekrwürdig still und blickte nur düster ins Leere. Auch mit ihm hatte der Krieg einiges angestellt. Die Tankstellen, denen sie unterwegs begegneten boten ihnen öfter ein Nachtquartier, obwohl es ziemlich ungemütlich war, zwischen den Regalen oder unter der Kasse zu schlafen. Immerhin wurde Rion etwas lebendiger, wann immer sie noch geniessbare Süssigkeiten fanden. Klebrige Schokoriegel halfen ja auch klasse gegen den Heisshunger.

Zum Glück gab es in diesen Tankstellenläden auch immer Ortskarten und so bewegten sie sich hoffnungsvoll auf ein kleines Kaff zu. Je kleiner und abgelegener allerdings so ein Örtchen, desto grösser auch die Wahrscheinlichkeit, dass es von Bombenangriffen verschont worden war. Der Name des Kuhdorfes, das sie ansteuerten war so eigenartig, dass Francis einen Lachkrampf bekam, bevor er den anderen mitteilen konnte, wo sie gleich ankamen. "Freunde," fing er an, als er eine Sekunde Luft schnappen konnte, "als nächstes erreichen wir.. ..", nochmals raschelte er mit der Karte und prustete los. "Sorry, sorry, Leute, aber deutsche Städte haben so beknackte Namen! Achkarren-Kreuzmatten! Was soll das denn sein?? Achkarren-Kreuzmatten!". So bescheuert der Ortsname auch klang, besonders wenn man bedachte, was Francis' Aussprache noch aus diesem Doppelnamen machte, diese kleine Stadt weckte in allen Hoffnungen. Das kleine Grüppchen setzte jetzt sehr viel auf..


Achkarren-Kreuzmatten!

Dienstag, 4. Januar 2011

Zig Zag - Der Abend bricht an..

Das Zeug blubberte geil vor sich hin, roch echt angenehm und sah tatsächlich aus wie Essen. Eigentlich war Dosenravioli eins der Dinge, die ekliger waren als Fliegenbeine in Rattensoße, aber auch die anderen Dosen, die aus Ziggys Rucksack stierten, sahen schwach aus: Erbseneintopf, Spagetthi Bolognese, Packungen fertig Carbonara-Soße, japanische Ramen in Quadratform, trockene Nudeln und Konserven. Doch das, was er daraus zauberte, schien göttlich anzumuten. Es duftete - ja es duftete! Nach Gewürzen, nach Liebe - es duftete durch's ganze Haus, erfüllte dieses alte Gemäuer endlich wieder mit Leben. Im Zimmer wurde es richtig warm, es dampfte. "Lore..was? Lorestan? Nieeee gehört.. Klingt aber so, als wärst du so 'ne Art kleiner Indianer.." Er probierte, füllte einen Plastiklöffel mit etwas Topfinhalt, schmeckte sorgsam ab, schloss dabei die Augen und schmatzte wie ein edler Weinkenner einen edlen Wein beschmatzt. "Wohnt ihr auch in Tippies oder wie die Dinger heissen..? Oder waren das Iglus..? Nein, nein, das waren Wigwams!" Giggelnd zog er aus dem Nichts einige bunte Party-Pappteller mit freudig bunten Luftballons darauf gedruckt. "Auf Jamaica wohnen alle auf Holzhütten, manche haben sogar Füßchen!" Er drückte Kya, der auf der Arbeitsplatte saß einen Teller in die Hand, holte süße rosa Plastikgäbelchen heraus, nahm sich den Topf um liebevoll alles auf vier möglichst gleiche Portionen zu verteilen. "Nein, nein, jetzt sind wir zu viert.." Er grinste über beide Ohren und nahm die drei Teller in die Hand. "Komm, Kleiner, Abendessen wird serviert, mir nach!" Er lief vor, den Gang entlang zu dem Zimmer, wo sie ihr Zeug gebunkert hatten und wo Francis und Rion wohl gerade steckten. "Ach was.. ach was.. der kleine Prinz ist nicht krank. Ich glaube höchstens liebeskrank." Ziggy grunzte vor Verzückung und stiess die Tür mit dem Fuß auf. "ESSEN!" Die Szene, die sich da bot war gleich grandios wie anrüchig versaut. Da lag der große, lockige Francis über den kleinen Jungen gebeugt, sein Oberkörper war nackt und er liess den Kleinen an einer Kippe saugen wie an einem fremden Schwanz. Ziggy hob nur kurz die Augenbraue und kaute an seinem Joint, grinsend wie ein verdorbenes Klosterschulmädchen. "Alter... hätt' ich etwa klopfen sollen?" Der Brite drückte den Größeren sofort weg und sein Kopf verwandelte sich in eine Tomate. Sollte wohl alles so ne Art Doktorspielchen werden. Ziggy drückte France, der sich ebenso verwirrt erhob, seinen Teller in die Hand und stellte Rion seinen vor die Füße. Dann schmiss er sich auf einen Haufen Decken, die alt und gammelig, aber warm und anschmiegsam in der Ecke lagen, drückte seinen Joint am Boden aus und begann, die Nahrung in sich reinzuschlingen. Kurz hielt er inne und winkte Kya hinein. "Komm schon, komm her, Kya!" Er wandt sich zu Francis und Rion, der Ziggy voller Hass und Abscheu anstarrte, als wolle er ihn für diese Unterbrechung den Darm durch die Ohren ziehen und ihm um den Rachen wickeln. "Das ist Kya, Leute. Kya, der Lore! Komm her, hock' dich hin und mach die Tür zu. Jetzt wo wir zu viert sind, wird's endlich mal ordentlich warm im Zimmer." Zig-Zag lachte. Er hatte die strahlendste und hellste Stimme, die man sich vorstellen konnte, wenn er so herzlich lachte, als hätte er den Schmerz dieser Welt niemals gekannt und als würde die Sonne selbst aus seinem Herzen strahlen. So wurde der junge Lore Kya mehr oder weniger gezwungen, sich dieser seltsamen Gruppe, die sich selber Adrenalin nannte, anzuschließen. Was für eine Wahl hatte er auch? Immerhin war da ein Bett, er hatte einen Teller dampfendes Essen in der Hand, es war behaglich warm und roch nach Marihuana. Keiner, nicht ein Mal so ein stolzer, unzähmbarer Lore würde dieses einmalige Angebot ausschlagen.
Rion vergrub sich mit seinem Essen in der Wandecke des Bettes, zog die Decke an sich ran.. und knurrte.

Montag, 3. Januar 2011

Kyanousch, der Bachtyarsade

Still schweigend sah der kleine Lore zu, wie der neu gefundene Dealer, Koch und nun sogar Techniker in der Gasleitung fummelte. Seine Kräuter auspackend sah er den Grünkopf fasziniert an. Was wurde denn nun geschehen? Was hatten diese komische Leute – und Leute waren die Tage all und überall nur komisch – mit ihm vor? Sie konnten doch nicht so einfach Kya bei sich haben wollen, denn da sie schon mal eine Gruppe waren, brauchten sie einen neuen Fressmaul wirklich nicht. Warum also diese Scheinfreundlichkeit? Und die Freude des Kochs, während er nun sich an dem Abendmahl machte. Was hatten sie vor? Mit allem Erstaunen der Welt hatte der kleine Lore den Eindruck, dass das Lächeln des Rastakopfs nicht überspielt war aber eigentlich warum?
„Kyanousch... aber für die Ausländer reicht mal Kya, den Rest kriegen sie eh nicht richtig hin.“, antwortete er auf seine Frage nicht ohne Stolz in seinen braunen Augen, die stets voller Wärme und Leben in seine Umgebung herum blickten.
Man brauchte nicht, ihn sich anzusehen, um zu wissen, wie wenig es ihm gefiel, dass der ZigZag – und das war tatsächlich sein Name! - ihn so ungewarnt zu sich gezogen hatte, denn mit einem liesen doch deutlich zu hörenden Murren zog er sich weg von ZigZag, der hoffentlich die Warnung mitgekriegt hatte, dieser 'Kleine' ließ sich ungern anfassen. Wer tat es heutzutage gerne, vor allem von Fremden? Da hatte jeder bestimmt innerhalb der letzten 3 Jahren eigene schlechten Erfahrungen gesammelt und jede Sammlung war an sich einzigartig und rar.
„Nicht alles!“, protestierte er fast automatisch zu ZigZags Aussage über allein sein. Er hatte Recht, allein sein war scheiße, wenn man sich als aller letzter Mensch auf dieser verfluchten Erde erkannte und auch nicht ganz sicher war, immer noch als Mensch bezeichnet werden zu können. Doch dann hatte der kleine Lore schon einiges an schlechter Gesellschaft hinter sich, was ihn immer mehr davon überzeugte, dass er es ohne Menschen vielleicht am besten haben konnte. Nun versuchte er aber die Erinnerungen von seinem Kopf, bedeckt mit dem kastanienbraunen Fell, abzuschütteln. Sie gehörten nicht hierhin. Das Lachen des grünhaarigen half ihm auch um einiges dabei. Als er nun die Dosen sah, sprang er zu ZigZag und während er mit der ersten Dose beschäftigt war, zog Kya sein Messer aus und hämmerte mit der bloßen Hand die zwei anderen offen. Oh ja, die neue Ära hatte auch ein paar Geschenke für den kleinen mitgebracht und die waren dann seine über kräftige Hände, die keinen Hammer brachten, um ein Messer in eine Dose herein zu klopfen. Den Rest überließ er wieder dem Chef und hüpfte hoch auf der Arbeitsplatte, ZigZag nicht aus den Augen verlierend. „Ich komme aus Lorestan, bin ein Bachtyare... weißt du überhaupt was von Loren?“, fragte er skeptisch. „Mein Opa war der Stammführer, wir hatten schon als Kleinkinder reiten und schießen gelernt, ein Lore und sein Gewehr leben und sterben zusammen!“, erzählte er wie eine Legende, während er nun mit der Hand auf Kelasch andeutete, dass er als Enkel des Stammführers ebenso mit seinem Gewehr lebte. In seinen warmen Blick schwebte wieder einmal Stolz. Nun hörte er neugierig die Geschichte des anderen, die des Jamaikaners.
„Ach die Loren haben solche hübsche Frauen.“, sagte er zur Ergänzung ZigZags Erzählung und missachtete dabei die Tatsache, dass es die lorischen Frauen nicht mehr gab, „Wenn du nur meine Schwester gesehen hättest!“ Nun sah er aber interessiert das Kochritual an und erzählte nichts mehr... es fühlte sich komisch gut an. Sah auch seinen kuriosen Tanz an und nickte einfach zu seiner Aussage über die Kopfmusik. „Seid ihr nur zu dritt?“, fragte er nun, „Und was ist mit dem Kleinen? Ist er schon seit langem krank?“ Natürlich wusste Kya, dass keiner mehr so aussah wie einst, dass alle etwas gelblich und abgemagert worden waren, dennoch entging ihm nicht die Tatsache, dass der eine in dieser Gruppe so aussah, als würde er jede Minute seine letzte Luftportion ausatmen und solch einen schönen Kalaschnikow hatte er auch in der Hand!