Langsam trat der kleine Junge in eine andere Dimension ein, wo sein Geruch, sein Gehört, seine Haut und sein Sinn plötzlich viel schärfer auf nur das Wesentliche konzentriert waren: Gefahr. Irgendwie schmerzte das schlecht gesprochene Französisch der Soldaten seine Ohren und sein Kopf, doch wenn er diese Schmerzen ordentlich stillen wollte, musste er durchdacht handeln.
Er hörte Francis, hörte die Schüsse und wusste, dass er noch nicht viel bezwecken konnte, solange er nicht einschätzte, wie viele es noch waren. Dann stoßen aber ZigZag und der Blonde zu den anderen und Kya wurde es in weniger als einem Augenblick bewusst, dass er nicht viel Zeit hatte. Dieser verfluchte Schwuchtel, wenn Kyanousch nur diesen Jules in die Hände bekam! Der Bengel erzählte nämlich mitten in seinem Worterbrechen auch die Sache mit ihm und dem anderen Soldat aus. Zum Glück wusste er nicht, wo die beiden sich befanden – nämlich der eine im Nebenraum und der andere im Totenreich – dennoch war eins klar: wenn die nicht wie Ziggy und Blondie sich hier befanden, dann könnte es nur heißen, dass der Barbar – spricht Kya – ihrem Kamerad was angetan haben musste!
Somit blieb auch nicht länger Zeit zum Verstecken und als der Ältere anfing, dem Schwuchtel seinen Verdienst in Schläge zu überweisen, machte sich Kya bereit, aus seinem Versteck zu kommen und sich wieder einmal dem Adrenalin anzuschließen. Das Lärm der Schlägerei ausnutzend eilte er aus seiner Ecke, doch just in dem Moment wurde er von einem der Franzosen gefunden, bevor er den Raum verlassen konnte. Es gab keinen Ausweg, ein Schrei von dem und wäre er genauso gefangen wie die anderen. Für einen Kelaschschuss war es schon zu spät, er stand zu nah zu dem Kerl, also ließ er Kelasch fallen und sprang stattdessen auf den Soldaten. Es wurde alles gut enden, solange er seine Hände nicht fesseln ließ, dachte er als letztes, denn danach gab es keine Zeit zum Denken mehr. Seine rechte Hand griff sofort nach dem Mund und den Kiefern des Franzosen und hielt diesen zusammen, doch wirklich notwendig war das nicht, denn mit dem ganzen Geschrei und Schüsse, die von dem anderen Raum kam, wären sie sowieso nicht in der Lage gewesen, das bisschen von ihrem Schlägerei zu hören oder die schwache Warnung des Soldaten, einer von ihnen solle sich hier befinden. Es geschah alles zu schnell, zu einfach. Was Kyanousch an dem Adrenlinrausch dieser Art am besten gefiel, war vor allem die Abwesenheit störender Gedanken, die Gewissheit, was jetzt zu tun sei...
Es war gänzlich unbedeutend, wo seine Finger als nächstes ihren Druck ausübten, welche Knochen brachen oder welche Organe durchbohrten, auch als das Messer des Soldaten in seinen rechten Vorarm drang, um seinen Mund von dem übermenschlichen Druck der Finger zu befreien, war sowohl der Schmerz als auch die Verletzung unbedeutend. Kyanousch war schneller, seine Finger hatten mehr Glück, sie drangen endlich dahin, wo sie das Lebenslicht dieser Schande für einen Franzosen löschen konnten. Er war tot, seine Hand ließ den Messergriff und fiel leblos davon herunter. Einen leiseren Kampfschrei ließ der Lore endlich raus.
Zähne zusammenkneifend zog er dann das Messer aus seinem Arm und wollte sich zu der begehrten Kelasch machen, als paar Soldaten plötzlich aus dem Nebenzimmer panisch los rannten – wie viele von ihnen gab es überhaupt? - und bevor Kya sich Gedanken darüber machen konnte, was da geschehen sein mochte oder wie er ihnen aus dem Weg gehen konnte, - nun dass ihr Kamerad im Türrahmen des Zimmers mit seiner Leiche die komplette Aussicht in den kleinen Versteck bat – hatten sie schon den toten Leib ihres Freundes sowie den Todesfaktor höchst persönlich gesehen. So wurde er einfach mitgerissen – und warum schrien die bloß so wild?
Kya hatte sich gerade entschlossen, kein Wort Französisch mit ihnen zu reden, als er starken Schmerz in seinem Kopf, durch seinen Schädel spürte und dann einfach nichts mehr.
80 Minuten später stand der Lore in demselben Raum und an derselben Leiche. Wie in Trance schritt er über den toten Mann herein und zu seinem Gewehr. Während er Kelasch liebevoll vom Boden abnahm, spielten in seinem müden Hirn Bilder von französischen Soldaten, deren Uniform er immer noch trug. Er sah ihre Blicke noch auf sich ruhen... doch eigentlich so wie sie ihn beäugt hatten, war in ihren Blicken alles andere außer Ruhe. Es war diese klebrige Art, wie manch abscheuliche Blicke auf der Haut zu bleiben schienen. Sein Körper fühlte sich träge, als er Kelasch wieder über den Schulter trug; keine Schmerzen mehr, auch die Blutung hatte aufgehört doch sein Körper war träge und sein Gehirn extrem müde. Er wollte für heute Nacht einfach nicht mehr denken müssen. So übernahmen seine Beine – deutlich weniger verletzt als der Rest seines Körpers – die Verantwortung, seinen Leib zu tragen. Automatisch schlugen sie dann den Weg zu dem einzigen Haus dieses verfluchten Nachbarschafts, aus dem – mehr oder weniger – menschliches Leben zu strahlen schien. In der – wahrscheinlich ersten – Stunde der Dunkelheit auf der verlassenen Straße liefen Bilder der Soldaten vor seinen müden Augen, die trotz der Leere in ihrem Blick immer noch die Wärme behalten hatten. So sah Kyanousch wieder ihre Blicke, fühlte ihre Griffe an seinem wehrlosen Leib, hörte ihre Stimmen und erledigte sie wieder aufs Neue einen nach dem anderen. Viele konnten es nicht gewesen sein, sonst musste es viel länger gedauert haben. Kurz dachte der junge Bakhtyare an seine Hände, an denen sein eigenes Blut nun mit dem der Soldaten gemischt war, doch er fühlte keinen Bedarf, sie jetzt zu reinigen, so müde waren seine Leib und Seele.
Als er mit Kelasch schussbereit in der Hand die Tür zum jenen Haus mit einem Tritt öffnete, konnte er nur hoffen, dass die Leute da tatsächlich sein Gang sein sollten. Doch das Geschrei des kleinen Engländer ließ keinen Zweifel daran. Kurz sah er sich um, dieser blonde Schwuchtel und ein rothaariges Mädchen waren auch da, doch Kya war zu müde, um weiter daran zu denken. Träge ließ er Kelasch senken und sah sich um. Seine Braut lag auf dem Sofa, doch sein Schlaf schien nicht sonderlich friedlich, was auch von Francis' Gesichtsausdruck abzulesen war. Außer sein Vorarm hatte er auch an dem einen Bein von den Franzosen schneiden lassen, doch nicht so tief wie sein Arm. Auch sein Kopf schien zu bluten, die blauen Flecken aber wurden erst mal dank Kleidung verdeckt. Leise machte er die Tür zu und ging mit schweren Schritten auf den Sofa zu. Als er dem kleinen Franzosen Zähne knirschend einen bösen Blick zuwarf, war das Wilde des Raubtiers in den müden, bernsteinfarbenen Augen nicht zu verpassen. Dennoch ging er wortlos an ihm vorbei und wie eine schwere Last ließ er sich neben ZigZag auf dem Sofa sinken. Kurz machte er keuchend Pause, um wieder ins Atem zu kommen, dann packte einige seiner Tascheninhalte leer. Aus einem Beutel nahm er paar Kräuter, die er dann nach fleißigem Kauen auf die Wunde schmierte. Dass er kurz sein Atem hielt, war seine einzige Reaktion auf die Schmerzen, er war verdammt zu müde. Einen faulen Blick warf er auf seine Hand und dann streute er halb abwesend neue Kräuter auf einem Langpaper. Sie hatte er sich mal aus einer Tankstelle geholt und sollten nur in Notfällen gebraucht werden. Ein kurzer Blick auf Zig verriet, dass dies definitiv zu den Notfällen zählen konnte, so drehte er nun den Joint zu Ende und packte alles andere wieder in die Taschen.
Nun musste er nur warten, bis Dornröschen wieder wach war, er wurde die Tüte in Kyas Hand bestimmt brauchen, nur musste Kyanousch ein wenig warten.