Dienstag, 8. Mai 2012

Kya - In the World*

Kya verstand zwar immer noch nicht, warum Ziggy ausgerechnet jetzt einen Spaziergang durch den verfluchten Franzosenkaff – es spielte keine Rolle, dass es bis zum Ende Deutschland gehört hatte, nach dem Ende hatten ja französische Soldaten es übernommen – machen wollte, doch es stand heute Morgen nicht in seinem Sinne, Fragen zu stellen. Heute Morgen wollte der kleine Lore so wenig wie möglich sprechen, bis er irgendwann aus dem französischen Albtraum des gestrigen Tages endgültig aufwachte. Erst dann wurde er wieder jener lorische Bursche, dessen einzige Gedanken ums Fraß und Rauchkräuter gingen, der von seiner Vergangenheit ein Gewehr, eine Kamantsche und fabelhafte Nomadenerinnerungen besaß.
Zigzag ging es aber trotz der Zaubertüte nicht gut. In seinem Kopf wahrscheinlich drehten nun die buntesten Illusionen mitsamt sein Erbrechen auf einem Karussell und frohlockten laut schreiend, Kya kannte nämlich den Stoff, den er in die Tüte gemischt hatte; die Strahlungen hatten auch ihre guten Seiten gehabt, nicht all das neue Gewächs war so nutzlos, wie die meisten glaubten. Als er nun brav und artig dem grünköpfigen Koch dabei half, anscheinend all seine Gedärme zu erbrechen, sah er Francis auf die beiden zukommen. Es war ihm danach, den Kopf umzudrehen und den Blick in andere Richtung zu wenden, sodass der Frontmann Adrenalins ihn nicht in die Augen sehen konnte, nicht den schweren Blick und die Reife im Blick des jungen Loren erkennen konnte. Francis aber schien auf anderen Dimensionen zu verweilen, denn zum aller ersten Mal vertraute er Kya eine äußerst wichtige Aufgabe an: er solle sich um die Nahrung der Gruppe kümmern, sowie ein Lore, der mit seinem geliebten Gewehr und auf dem Blitz schnellen Ross den Weg in die hohe Berge aufschlägt, um für seinen Stamm zu jagen. Der Amerikaner hatte seinen Satz kaum vollendet, da füllten sich Kyas Augen mit Stolz und Ernsthaftigkeit. Die Flammen loderten plötzlich wieder in die bernsteinfarbenen Augen und sein Gesicht sah wieder jünger aus. „Ich bringe ihn dann zurück ins Haus.“ sagte er und deutete mit dem Kopf auf seinen Lieblingskoch.
Es ging langsam, extrem langsam, da Zig sich weder von Kya tragen lassen wollte, noch konnte er richtig laufen, doch Kya war stolz auf dem kleinen Team, dass sie es dennoch rechtzeitig schafften. Die rothaarige Krankenschwester war nämlich dabei, das wertvolle Frühstück aufzuräumen: Brot, süße Marmelade und Salami! Es war der Wahnsinn! „Was machst du da?!“ beschwerte sich Kya sobald sie die Tür aufgerissen hatten. „Manche Leute könnten ernsthaft verhungern! Und das alles nach der ganzen Aktion von gestern!“ Und als wollte er Max beweisen, wie lebenswichtig es für ihn war, deutete er mit geweiteten Augen auf seinem Magen, der im selben Moment knurrte. Nachdem er Zig vorsichtig auf die Sofa herab geladen hatte, rannte er also zum Frühstück und stopfte sich den Mund gleich mit zwei Brotscheiben. Dass Salami und Marmelade nicht ganz zusammen passten, fiel ihm dabei gar nicht ein, umso besser, denn es schmeckte in seinem Mund mit einem Schlag süß, sauer und salzig, fettig und kräftig. Rion war nicht da und der Kleine - unabhängig davon, dass er und Kya ungefähr gleich groß waren - war sowieso nicht wirklich nahrungsfreundlich, Francis hatte das Frühstück schon verlassen und der Franzose musste jetzt auch sofort aufmachen. Das Mädchen hier wollte auch gerade das aufräumen, also blieben keine weitere hungrige Münde als Zig und Kya selbst, daher stopfte er sorglos noch zwei Stück in seinem Mund, während er versuchte, mit Hand und Bein und Kopf der Neuen zu erklären, dass er auch Zig was davon geben sollte, da Kya sich ja nun aufmachen musste. Nun nahm er eine fünfte Scheibe, aß die Salami und steckte die trockene Brotscheibe in einer seinen Hosentaschen. Wer wusste, wann und wo ihm der kleine Vorrat retten konnte? So hatte der junge Lore immer etwas Trockenfutter in seinen Taschen, denn manchmal hing einem das Leben von einer halben Trockenpflaume ab, damit man an Kräften blieb, bis man wieder etwas finden konnte. 
Alles in allem war Kya wie ordentlich abgefeuert; es wurde nämlich wieder etwas vernünftiges gemacht. Nachdem er das Frühstück mit etwas Wasser herunter gespült hatte, erklärte er dem Rothaarigen, dass er sich nun auf die Suche aufmachen musste und dass in seiner Abwesenheit dieser dafür zuständig war, auf Ziggy aufzupassen und dafür zu sorgen, dass er sich von den Wunden erholte. Es dauerte keine drei Minuten, bis der Junge all seine Sachen auf die Schultern geladen hatte, nach dem Kelasch gesehen hatte und wegbereit an der Türschwelle stand. Es war nicht schwer, es ihm anzusehen, wie er dieser Aufgabe gewachsen war. "Ich being' dir was gutes und dann essen und rauchen wir mal wieder ordentlich.", sagte er dann seinem Lieblingskoch zum Abschied, bevor er verschwand. Er musste nicht lange suchen, bevor er den Franzosen auf den Treppen vor irgendeiner Tür fand. Es gab ja hier nicht so viele Türen. "Hey", redete Kya den Blonden an, "wir müssen Futter suchen gehen, hat Francis gemeint: du und ich." Und wartete kurz, bis dieser ihn verstand. Wie viel er tatsächlich verstand, kümmerte Kya nicht wirklich. "Hast du hier ein Gewehr, das du mitnimmst? Dann holen wir es und wenn nicht, dann nehmen wir halt eins von den anderen für dich. So kannste dich ja nicht auf'm weg machen." Eine Art konsequente Wut war nicht nur in den lebhaften Augen, sondern auch in seinem Sprechton deutlich spürbar. Er konnte aber unmöglich den Erfolg seiner Mission gefährden, nur weil er diesen verwöhnten Schuljungen absolut nicht ausstehen konnte. "Ihr habt sicher auch irgendwo Reserven, oder? Die Toten brauchen nicht mehr zu fressen, das ist ihr Vorteil, also nehmen wir die Vorräte auch mit.", erzählte er, während die beiden sich auf dem Weg machten. 


* der Titel von Gorkys zweites autobiographisches Buch, auch bekannt als "Auf der Suche nach dem Brot"