Dienstag, 23. November 2010

Zig Zag - in letzter Minute

Die Räume waren holzig, soweit er das beurteilen konnte. Es war so ein Landhausstilschmuckstück, eine Zuckerperle unter den vielen Pensionen, die modern und unpersönlich gegenüber altertümlicher Gemütlichkeit bevorzugten. Seine rauen Fingerkuppen strichen über das faserige, moderne Holz. Dies musste mal ein schöner Ort gewesen sein. Durch die Fensterläden schien das staubige Sonnenlicht in einem fahlen Schein auf den knarrenden Boden. "Familienausflüge an warmen Sonntagen in die Berge.. gutbäuerliche Küche.." Er schloss die Augen. "Mhhhmm... alles hier riecht nach uriger Behaglichkeit.. alles hier schmeckt..." Er wollte schon die Wand genüsslich mit seiner Zunge entlanglecken, doch sein viel kleinerer, jüngerer Kollege mit den Rehbraunen Augen rümpfte angewidert und lautstark die Nase und Ziggy entsinnte sich dessen, dass es sich hierbei - nun, wirklich nur um eine holzverkleidete Wand, und um eine dazu ziemlich widerlich von Würmern zerfressene handelte. Mit einem Zug an seinem nach duftenden, dampfenden Kräutern riechenden Tütchen liess er ab von seiner neuen Geliebten, der urigen Holzigkeit und stieß, ihn kurz im Mund behaltend, den Rauch genüsslich in das Zwielicht des furchtbar kleinen Raumes, der wohl einst ein mal der Empfang gewesen war, hinaus. Der Rauch stieg in großen Wolken, magisch und fragil hinauf und klebte sich für den Rest der Ewigkeit als einschlägiger Cannabisgeruch an die Decken und Balken.
"Ein Wunder.. ein Wunder..", brabbelte er mit einem unterdrückten Kichern. Ein Wunder, dass sie in so einer trostlosen, mordsgefährlichen Gegend so einen herrlichen, seeligen Ort voll Heimatgefühl dieses einst so schönen Landes gefunden hatten, ohne abartige, mutierte Kreaturen, Kannibalen oder die zerstreuten, fickwütigen Mitglieder der einstigen Army. Da wollte er an seinem Joint ziehen und fast schon stiegen ihm Tränchen der Rührseligkeit in die Augen, als dieser Mordskrach aus den Nebenräumen in seine Ohren dröhnte. Ruckartig sich zur Tür drehend liess er fast sein Liebchen fallen. Kurz stockte er, musste überlegen. "War France nicht da lang..?" Ein ersticktes Aufkeuchen hinter ihm, sein Begleiter hielt sein Gewehr umklammert und wollte schon losstürmen, doch Ziggy war schneller, knallte mit Wucht die Tür auf und rannte durch den Korridor Richtung Speiseräumlichkeiten, die sein best-buddy-ever France sich unter die Lupe nehmen wollte. "FRANCIS!" Die Stimme des großen, gebräunten Mannes hallte durch den Flur und liess den Spachtel erzittern. Er riss die vor ihm liegende Tür auf, sah ein Szenario, das unwirklicher nicht sein konnte. Ein übergroßer Winnie Pooh-Verschnitt knuddelte seinen Freund zu Tode, während ein weiteres, kleines Wesen, dass zierlich, zerbrechlich und ünnütz dem ganzen zusehend da herumstand. Ohne nachzudenken stürmte Zig-Zag auf das Vieh zu und drückte seinen Glimmstängel mit Wucht in die Haut des Glücksbärchiebiestes, es gab einen widerwärtigen, schmerzerfüllten Schrei von sich und schlug schließlich sein Opfer fallen lassend in die erbebende Wand ein, als der vor Wut schnaubende Jamaikaner mit der Faust hart in die unmenschliche Fresse seines Gegenübers schlug. Da reagierte auch das kleine Wesen auf der anderen Seite des Raumes und mit zittriger Hand seine Waffe umklammernd schoss es den glücklichen Todesschuss direkt in den Kopf des Bärenmonsters. Ein tierisches, verzerrtes Brüllen entkam ihm kurz davor, bevor sein Hirn explodierte und sich wie warmer Pudding auf den Wänden und dem Boden verteilte. Ziggy verzog das Gesicht. "Bääh...." Und sein armer Joint erst dazu! Doch nein nein, keine Zeit verlieren; er packte Francis und hiefte ihn liebevoll wie eine Mutter ihr kleines Küken hoch. "Alter.. Alter, alles klar? Hat dir das Ding die Nieren aus den Ohren gepresst?" Mittlerweile stand auch der vierte der Gruppe schnaufend in der Tür, drehte sich aber schnell wieder weg, da der Anblick des zerfledderten Biestes ihm wohl nicht bekam. Würgegeräusche aus Richtung der Tür. Ziggy wuschelte seinem Kumpel durchs Haar und schnaufte aus. "Nochmal Glück gehabt.."

Donnerstag, 4. November 2010

Francis - Angriff!

Die Schwachen und Kranken einfach zurückzulassen war noch nie Francis' Fall gewesen. Er war der Meinung, dass jede Seele gerettet werden kann. Ein echter Weltverbesserer sozusagen. Das war schon während der Highschool-Zeit so gewesen. Francis, damals Captain der Football-Mannschaft und zeitweise sogar Schülersprecher, glaubte fest daran, den ultimativen Zusammenhalt schaffen zu können. Tatsächlich folgten genug Schüler dem charismatischen Amerikaner und dennoch konnte er weder mobbing abschaffen, noch exzentrische Aussenseiter in seine heile Welt integrieren. Seine Anführerqualitäten hatte er dennoch nicht verloren und wenn seine nachkriegliche Endzeitstimmungsgruppe noch klein war, hatte er bereits wahnwitzige Visionen, so viele Überlebende wie möglich zusammen zu kratzen, um etwas Neues aufbauen zu können.

Und nun stand also ein potentielles neues Mitglied seines Wiederbelebungsprojektes vor ihm, wirkte jedoch nicht im geringsten so, als würde er sich über die Ehre freuen. Der Kleine verhielt sich wie ein bedrohtes, in die Ecke gedrängtes Tier, fletschte regelrecht die Reisszähne und knurrte Francis warnende Worte in nicht ganz leicht verständlichem Englisch zu. Die Argumentation des Jungen ergab durchaus Sinn, doch stand hier das Wohlergehen des kleinen Grüppchens auf dem Spiel und daran war als allererstes zu denken, da konnte der Amerikaner noch so sehr den guten Samariter spielen wollen. "Ok, pass auf. Ich will dir nicht wehtun. Wir sollten teilen, was wir finden." fing er an, den Jungen zu beschwichtigen. Seine Hände waren schweisnass und verkrampft, der rechte Zeigefinger, der immer noch um den Abzug gekrümmt lag, fühlte sich schon ganz steif an.

In einem der Nebenzimmer knarzte eine Tür. Beinahe synchron drehten sowohl Francis als auch der Fremde die Köpfe in Richtung der Geräuschquelle. Jetzt musste der Junge begriffen haben, dass er in der Minderheit war. Doch ehe diese Tatsache eine Wirkung auf den Kleinen zeigen konnte, überschlugen sich die Ereignisse. Mit einem ohrenbetäubenden Krach barst eines der grossen Fenster, das auf die Strasse hinausführte. Tausende Scherben flogen durch die Luft als stünde ein Messerwerfer im Raum, der fleissig für die Abendvorstellung übt. Mitten aus dem funkelnden Regen aus Glassplittern schoss eine Gestalt hervor und stürzte sich auf Kya, der näher am Fenster gestanden hatte. Francis hatte um sein Gesicht zu schützen, den Arm gehoben und sein Gehirn brauchte einen Moment um zu realisieren, was passiert war. Als er den Arm senkte lag der Junge am Boden und versuchte, das "Monster", ein stark behaartes Wesen mit den Proportionen eines Menschen, mächtigen Pranken, die denen eines Bären ähnelten und einem entstellten Gesicht, von seinem kleinen Körper zu drängen. Das lebensrettende Messer, das der Dunkelhaarige bis eben noch so selbstbewusst umklammert hatte lag nun in beinah unerreichbarer Ferne, doch hätte ihm die Waffe ohnehin nicht viel gebracht, denn allein die Wucht mit der er zu Boden gerissen wurde, hatte ihm die Rippen mindestens angeknackst und nun war Kya genug damit beschäftigt, noch Luft bekommen zu können.

"Fuck!" stiess Francis zischend aus, nahm sich kaum Zeit zu zielen und feuerte einfach auf das Ding, das vor Schmerzen aufschrie. Blut spritzte aus einer Wunde an der rechten Schulter des "Monsters", eine weitere Kugel hatte ein Loch in den Oberschenkel gerissen, mit dem dritten und vierten Schuss hatte Francis verfehlt. Die Wirkung verfehlt hatte die Aktion jedoch nicht, denn das Vieh liess von dem malträtierten Jungen ab und sprintete auf Francis zu.

Das Ding war schneller als gedacht, doch gelang der erste Ausweichversuch. Francis hatte es knapp geschafft, beiseite zu springen und einen Tisch umzuschmeissen, was seinen Gegner in noch grössere Raserei versetzte. Der geringe Vorsprung reichte gerade aus, um erneut die Pistole zu heben und den Abzug zu betätigen.

Klick. Mehr passierte nicht. Ein fataler Fehler. Nachzuladen war unmöglich und um die Flucht zu ergreifen war der Raum zu klein. Sein Herz raste als er, den Blick starr nach vorn gerichtet, ein neues Magazin aus seiner Hosentasche fummelte. Kurz bevor die wild fuchtelnden Pranken des Dinges ihn zu fassen bekamen, liess Francis sowohl seine Waffe als auch die dazgehörige Munition auf den Boden fallen und trat sie in Richtung des fremden Jungen. Im nächsten Moment wurde sein Körper umschlungen und ihm blieb die Luft weg. Als das "Monster" versuchte, ihm die Organe aus dem Körper zu quetschen, hörte Francis es einige Male leise knacken und er hielt auch keinen markerschütternden Schmerzensschrei zurück. Im Adrenalinrausch zappelte er wild und trat immer wieder gegen die Beine des weitaus kräftigeren Gegners ein und zerrte und rupfte an den pelzigen Armen, die ihn festhielten. Gegen dieses Ding war er chancenlos.

Mittwoch, 3. November 2010

Kyanoush - ein Zimmer in der Pension

Es müsste irgendetwas in seinem Namen gewesen sein, ein Trieb, unsterblich weiter zu kommen und alles Mögliche, was sogar seine eigene Kreativität nicht mehr verkraftete, zu überleben. Sonst konnte Kya keine andere Erklärung dafür finden, wie er immer noch lebte, während die anderen aller schon längst vergangen waren... oder vielleicht sollte man sagen, während sie alle Vergangenheit waren, eine dermaßen ferne Vergangenheit, die heute eher wie eine komische Fiktion von einer Welt schien. An dem Tag, als er seine Familie verloren hatte und zwei Tage warten musste, bis man ihn fand, wurde es dem Jungen etwas klar: er musste sich auf alles mögliche vorbereiten, wenn er leben wollte, er musste auf wörtlich alles gefasst sein und keinen Moment zögern, wenn er vorhatte, auf dieser Welt - eine, worauf es zu der Zeit wenigstens noch genug zu essen gegeben hatte - zu leben. Es war zwar nicht zu verstehen aber irgendwie spürte der junge Lore immer noch ein unmöglich starkes Gier nach Leben. Sogar nach all dem hatte er keinen einzigen Moment daran gedacht, dass es vielleicht besser gewesen wäre, wäre er heute nicht - lebendig - da. Gerade das machte den Unterschied zwischen ihm und den anderen, die ihm dieses Überleben rauben wollten. Vielleicht war es doch die Kraft in seinem Namen, die dem kleinen Jungen jegliche Gedanken über eigenen Tod versiegelte.
Kyanousch, der Unsterbliche der Kyan; Anousch, der Unsterbliche.

So prachtvoll und schön dieser königliche (aus der Kyani Dynastie) Name jetzt auch klingen mochte, gab es dennoch auf der Welt des jungen Kya keinen Platz für glänzende Schildchen, noch weniger für Trophäen. Die Unsterblichkeit wurde jetzt mit Blut und im Dreck geschrieben, sie verhungerte bis zu Grenzen des Unverstandes und riss jedem Toten - oder Lebendigen - die Kleider aus dem Leib, um die frostige Nächte zu den Dämmerungen zu bringen, wenn die stechende Sonne einem die Augen aus dem Schädel heraus löffeln wollte. Aber natürlich, auch die Sonne verhungerte jetzt.
So stand er auch jetzt über die zwei Leichen, ohne ein Bedenken, ohne Reue, ohne Schmerzen außer wegen des Kratzers an einem Arm, welcher aber dann so unbedeutend war, dass man es gleich vergessen konnte. Er schimpfte nur weil er nicht wissen konnte, ob man das Fleisch solcher Wesen essen durfte oder nicht... eigentlich eher nicht, wie sie nun aussahen. Einer von den beiden hatte noch den Verstand nicht ganz verloren gehabt und sprach viele Wörter, bevor Kya es kalt machte. Dieser lästige Geschwätz, als man sei noch ein Mensch und wolle mit bunten Friedenfähnchen in die Gegend laufen. Zugegeben an manchen Tagen sprach Kya sogar mit sich, um diese Fähigkeit 'Sprache' zu bewahren, denn in seinem jungen, naiven, dämlichen Kopf lungerte noch das unheimliche Monster 'Hoffnung' herum. Die Hoffnung darauf, irgendwann vielleicht wieder auf Leute zu treffen, mit denen man sprechen mochte/ sollte/ musste und sogar konnte. Im nächsten Augenblick geschah dann das Unvorhersehbare. Ein ziemlich menschliches Wesen - Kya war längst nicht mehr so doof, irgendwas auf dem ersten Blick 'Mensch' zu nennen - trat ein und zielte ziemlich präzise auf ihn mit einer Pistole. 'Also besaß das Ding noch genug Intelligenz, sich einer solchen Gewehr zu bedienen', war Kias erste Gedanke. Der kleine Junge schaute nun auf den anderen, mit wilden, bernsteinfarbigen Augen, die irgendwie versuchten, mit dem Blick nach der Seele seines Gegenübers zu suchen. Keuchend blieb er mit dem Messer in der Hand einfach da, bis der - augenscheinlich - Ältere sich entschied, Wörter zu reden, die ganz deutlich auf ein sauberes Englisch hindeuteten. Es dauerte einige Sekunden, bis Kya ihren Sinn verstehen konnte. Sie waren vor allem logisch. Was er aber nicht verstehen konnte, war warum dieser überhaupt seine Zeit mit Wörtern verschwand. Er wollte nicht sofort denken, dass vielleicht sein Gegenüber von derselben Hoffnung überfallen war, auf dieser Welt 'Gesellschaft' zu finden.
Von dem Kampf mit den beiden war der Junge noch außer Atem und seine Stimme klang heiser, als er dann den Mund aufmachte "Nicht verrückt genug, um zu vergessen, dass du hier eigentlich mein Essen nehmen willst, nachdem ich die Monster hier schön erledigte.", sagte Kia, ohne das Messer fallen zu lassen. Doch bewegen tat er auch nicht, denn den Fremden mit einer Pistole wollte er nicht reizen. Sollte es dann zu einem Mann-zu-Mann Kampf kommen, hatte er viel bessere Chancen als wenn er sich gegen eine Pistole und das von so kleiner Entfernung stellen wollte. Dass sein Gegenüber nicht alleine da war, konnte er allerdings nicht wissen. 

*Ich habe keinen Spellcheck oder ähnliches, also müsst ihr euch mit den Fehlern wohl zurecht finden. (Könnt ihr auch für mich korrigieren.)