Mittwoch, 3. November 2010

Kyanoush - ein Zimmer in der Pension

Es müsste irgendetwas in seinem Namen gewesen sein, ein Trieb, unsterblich weiter zu kommen und alles Mögliche, was sogar seine eigene Kreativität nicht mehr verkraftete, zu überleben. Sonst konnte Kya keine andere Erklärung dafür finden, wie er immer noch lebte, während die anderen aller schon längst vergangen waren... oder vielleicht sollte man sagen, während sie alle Vergangenheit waren, eine dermaßen ferne Vergangenheit, die heute eher wie eine komische Fiktion von einer Welt schien. An dem Tag, als er seine Familie verloren hatte und zwei Tage warten musste, bis man ihn fand, wurde es dem Jungen etwas klar: er musste sich auf alles mögliche vorbereiten, wenn er leben wollte, er musste auf wörtlich alles gefasst sein und keinen Moment zögern, wenn er vorhatte, auf dieser Welt - eine, worauf es zu der Zeit wenigstens noch genug zu essen gegeben hatte - zu leben. Es war zwar nicht zu verstehen aber irgendwie spürte der junge Lore immer noch ein unmöglich starkes Gier nach Leben. Sogar nach all dem hatte er keinen einzigen Moment daran gedacht, dass es vielleicht besser gewesen wäre, wäre er heute nicht - lebendig - da. Gerade das machte den Unterschied zwischen ihm und den anderen, die ihm dieses Überleben rauben wollten. Vielleicht war es doch die Kraft in seinem Namen, die dem kleinen Jungen jegliche Gedanken über eigenen Tod versiegelte.
Kyanousch, der Unsterbliche der Kyan; Anousch, der Unsterbliche.

So prachtvoll und schön dieser königliche (aus der Kyani Dynastie) Name jetzt auch klingen mochte, gab es dennoch auf der Welt des jungen Kya keinen Platz für glänzende Schildchen, noch weniger für Trophäen. Die Unsterblichkeit wurde jetzt mit Blut und im Dreck geschrieben, sie verhungerte bis zu Grenzen des Unverstandes und riss jedem Toten - oder Lebendigen - die Kleider aus dem Leib, um die frostige Nächte zu den Dämmerungen zu bringen, wenn die stechende Sonne einem die Augen aus dem Schädel heraus löffeln wollte. Aber natürlich, auch die Sonne verhungerte jetzt.
So stand er auch jetzt über die zwei Leichen, ohne ein Bedenken, ohne Reue, ohne Schmerzen außer wegen des Kratzers an einem Arm, welcher aber dann so unbedeutend war, dass man es gleich vergessen konnte. Er schimpfte nur weil er nicht wissen konnte, ob man das Fleisch solcher Wesen essen durfte oder nicht... eigentlich eher nicht, wie sie nun aussahen. Einer von den beiden hatte noch den Verstand nicht ganz verloren gehabt und sprach viele Wörter, bevor Kya es kalt machte. Dieser lästige Geschwätz, als man sei noch ein Mensch und wolle mit bunten Friedenfähnchen in die Gegend laufen. Zugegeben an manchen Tagen sprach Kya sogar mit sich, um diese Fähigkeit 'Sprache' zu bewahren, denn in seinem jungen, naiven, dämlichen Kopf lungerte noch das unheimliche Monster 'Hoffnung' herum. Die Hoffnung darauf, irgendwann vielleicht wieder auf Leute zu treffen, mit denen man sprechen mochte/ sollte/ musste und sogar konnte. Im nächsten Augenblick geschah dann das Unvorhersehbare. Ein ziemlich menschliches Wesen - Kya war längst nicht mehr so doof, irgendwas auf dem ersten Blick 'Mensch' zu nennen - trat ein und zielte ziemlich präzise auf ihn mit einer Pistole. 'Also besaß das Ding noch genug Intelligenz, sich einer solchen Gewehr zu bedienen', war Kias erste Gedanke. Der kleine Junge schaute nun auf den anderen, mit wilden, bernsteinfarbigen Augen, die irgendwie versuchten, mit dem Blick nach der Seele seines Gegenübers zu suchen. Keuchend blieb er mit dem Messer in der Hand einfach da, bis der - augenscheinlich - Ältere sich entschied, Wörter zu reden, die ganz deutlich auf ein sauberes Englisch hindeuteten. Es dauerte einige Sekunden, bis Kya ihren Sinn verstehen konnte. Sie waren vor allem logisch. Was er aber nicht verstehen konnte, war warum dieser überhaupt seine Zeit mit Wörtern verschwand. Er wollte nicht sofort denken, dass vielleicht sein Gegenüber von derselben Hoffnung überfallen war, auf dieser Welt 'Gesellschaft' zu finden.
Von dem Kampf mit den beiden war der Junge noch außer Atem und seine Stimme klang heiser, als er dann den Mund aufmachte "Nicht verrückt genug, um zu vergessen, dass du hier eigentlich mein Essen nehmen willst, nachdem ich die Monster hier schön erledigte.", sagte Kia, ohne das Messer fallen zu lassen. Doch bewegen tat er auch nicht, denn den Fremden mit einer Pistole wollte er nicht reizen. Sollte es dann zu einem Mann-zu-Mann Kampf kommen, hatte er viel bessere Chancen als wenn er sich gegen eine Pistole und das von so kleiner Entfernung stellen wollte. Dass sein Gegenüber nicht alleine da war, konnte er allerdings nicht wissen. 

*Ich habe keinen Spellcheck oder ähnliches, also müsst ihr euch mit den Fehlern wohl zurecht finden. (Könnt ihr auch für mich korrigieren.)

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