Sonntag, 31. Oktober 2010

Francis - Die neue Realität

14. Juni 2023. Der kleine Wandkalender, der hinter der Theke neben der kaputten Uhr hing war auf dieses Datum eingestellt. Soweit Francis hatte mitrechnen können, war das vor etwa drei Jahren gewesen. Das kleine Restaurant mit angeschlossener Pension sah zwar ziemlich ramponiert aus, doch waren sie auf jede einzelne Dose mit Lebensmitteln angewiesen und alles, was vier Wände und ein Dach drüber hatte, konnte als Unterschlupf dienen. Die Welt war gefährlich geworden. Nachdem keine Bomben mehr gefallen, die Gewehre verstummt und die Feuer erloschen waren, wurde es zunächst still. Dann legte sich der Staub und man konnte eine grausame Komposition der Zerstörung betrachten. Die wenigen Überlebenden rotteten sich in kleinen Grüppchen zusammen. Verängstigst, verstört, nicht überlebensfähig. Mutationen waren keine Seltenheit und oftmals konnte man nicht mehr sagen, was die agressiven Wesen, die einen angriffen, einst gewesen waren. Es hatte Menschen und Tiere getroffen und die Vegetation streckenweise vollkommen ausgelöscht.

Francis, Zig-Zag und Rion waren drei Junge Männer, denen nichts geblieben war, als den aussichtslosen Kampf um's nackte Überleben bis zum letzten Atemzug auszufechten. Sie hatten sich in einem der Auffangcamps, die es Anfangs noch gegeben hatte, kennengelernt, doch Soldaten waren gekommen, hatten sich einige Mädchen und auch Jungs gegriffen und die Vorräte geplündert. Zu viert waren sie damals geflohen und jetzt, etwa ein Jahr später waren sie noch zu dritt. Sie konnten stolz auf sich sein, denn sie hatten es weit gebracht, sich Kampfstrategien und Fluchtpläne zurecht gelegt, schiessen geübt und sie hatten herausgefunden, dass es mindestens 15 verschiedene Möglichkeiten gibt, Dosenravioli zuzubereiten und gelernt, den Brechreiz zu ignorieren, da sie wussten, dass jedes bisschen Nahrung zu wertvoll war, um es dem Körper wieder entweichen zu lassen. Es hatte sie Richtung Süden gezogen und auf ihren Wegen hatten sie viel Chaos und Elend gesehen, Ruinen und Leichenberge und stinkende Kadaver, verwesender Tiere, aber auch völlig intakte Gasthäuser und Lebensmittelmärkte. Sie plünderten halb verlassene Stützpunkte, die oft noch von Soldaten bewacht, oder wohl eher bewohnt wurden, deren Heimat in Trümmern lag, oder die einfach im fremden Land vergessen worden waren. Auch abgelegene Dörfer, die der Krieg geschont hatte, vielen den dreien zum Opfer. Jeder hier hatte um's Überleben zu kämpfen, auch wenn das hiess, anderen Menschen ihre Nahrung zu stehlen, ihnen Kleidung und Decken wegzunehmen und ihnen bei Gegenwehr, den Schädel einzuschlagen.

Und doch hätte Francis nie sinnlos Gewalt angewandt. Diese letzte Hemmschwelle, die er noch nicht überschritten hatte und die ihn berechtigte, sich "Mensch" zu nennen und sich nicht wie ein "Monster" zu fühlen, hinderte ihn wohl daran, das "Kind"(?), das da mit blutverschmierten Händen, ein Messer umklammernd, heftig schnaufend und keuchend und den irren Blick auf ihn gerichtet vor ihm stand, einfach abzuknallen. Zu den Füssen des Jungen(?) lagen zwei aufgeschlitzte verstümmelte Gestalten, halb Mensch, halb.. .. irgendwas. Sein Kopf befahl ihm Ruhe zu bewahren, seine Muskeln jedoch spannten sich an und er war bereit zu reagieren. Wie zwei wilde Tiere musterten die beiden sich und keiner wollte ich als erster rühren. Francis konnte spüren, dass er zu Unrecht in das Territorium des dunkelhaarigen "Kindes" eingedrungen war, wusste aber auch, dass ein falscher Schritt sein letzter sein konnte. Ihm blieb jedoch keine andere Wahl, als dem anderen zu signalisieren, dass er nicht vorhatte, ihn zu töten. So liess er seine Pistole, mit der er bislang auf den Fremden gezielt hatte, sinken und erhob gleichzeitig vorsichtig die Stimme: "Hey. Bist du ein Verrückter? Wenn du mich angreifst, werde ich mich wehren. Ansonsten lass' ich dich in Ruhe. Ich such' hier nur was zu essen. Du bist doch kein Irrer, oder?". Er sprach ruhig, jedoch nicht unsicher, vermied es, zu schreien und verbannte jegliches Zittern aus seinem Tonfall. Sein Finger lag noch um den Abzug gekrümmt, doch zeigte der Lauf der Waffe inzwischen auf den Boden. Francis hatte grosses Vertrauen in sein Reaktionsvermögen. Und in seine Intuition. Dennoch hielt er den Atem an.

1 Kommentar:

  1. Kann meine Augen nicht trauen, gibt es hier tatsächlich etwas????!!!! :P

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