„Nein!“, regte sich der Junge auf, „Für den Sommer haben wir riesige Zelten aus echter Wolle und im Winter sind wir dann unten in unseren Burgen, zu unserem Stamm gehörten drei, zwei davon direkt im Besitz von meinem Großvater!“, korrigierte er den Jamaikaner, deutlich irritiert, wie wenig man von Loren wusste. Doch es war nur das erste Mal von vielen Wiederholungen, von dem Kya zu dem Zeitpunkt noch nichts wissen konnte. Diese westliche Truppe hatte – wie Mehrteil der Bevölkerung der alten Welt – keinen Schimmer Ahnung weder von den Loren noch von ihrem Leben, egal ob jetzt städtische Loren oder die Nomaden der Hochgebirge Zagros.
Sie waren schon mit dem Essen da, das auf der heutigen Welt viel mehr bedeutete als jegliche Reichtümer oder Macht, es war beide Reichtum und gleichzeitig Macht, wenn man nicht Hungern musste. Wenn man dann dazu noch einen sicheren Dach über dem Kopf hatte und konnte sich gegen andere Lebewesen wehren, dann durfte man sich als die mächtigsten der Welt zählen. Kya war froh, nicht zu den machtlosen zu gehören und im Anbetracht der Essens- und Waffenvorräte dieser kleinen Truppe, konnte man sie auch ruhig stark nennen. Immerhin hatten sie es solange geschafft und waren alle drei noch in einem kohärenten Stück. Als der ZigZag ihn dem Rest vorstellte, fügte der Lore mit einer warmen, stolzen Stimme hinzu, „Kyanousch ist der Name, doch lieber nennt mich Kya als welche komische Lauten, die angeblich mein Name sein sollen.“ Ohne weiteres nahm er dann ZigZags Einladung an und setzte sich neben ihm. Obwohl der Grünkopf schon erklärt hatte, dass die kleine, gelbliche Figur nicht krank war, warf Kya ihm vorsichtig vom Augenwinkel einen mitleidenden Blick zu, der sah zu erbärmlich aus und schien gar nicht wie die anderen zwei glücklich darüber, in einer Gruppe herum wandern zu können. Schweigend aß Kya erstmal seinen Ravioli und lauschte nur die Gespräche der beiden Männer. Er konnte trotzdem nicht feststellen, was diese mit ihm vorhatten.
Die nächsten Tage gab es auch keine Hinweise, als würden sie wirklich ihn bei sich als ein Mitglied dieses komischen Adrenalins haben wollen. Nachts schlief Kyanousch nie richtig ein aus Angst davor, sie mochten ihm im Schlaf etwas antun. Manchmal lag er auch wach da und überlegte sich, ob er die drei umbringen und wieder alleine weiter ziehen sollte, weil er nicht verstehen konnte, was man von ihm erwartete bzw. wozu sie ihn bei sich behalten wollten. Auch Kya hatte genug vom Krieg und von der neuen Welt gesehen, um rosaroten Marihuanaträume nicht mehr zu glauben. Zum Glück schlugen sie wieder den Weg, bevor es mit dem kleinen Loren richtig kritisch wurde. Wandern hatte vor allem den Vorteil, dass der Körper viel zu sehr beschäftigt war, um noch das Hirn mit genügend Blut und Nahrung für Gedanken zu versorgen, weswegen man weniger dachte, vor allem wenn man auch einen wie ZigZag dabei hatte, der beim Bedarf stundenlang reden konnte, deswegen und dazu noch aus Vorsicht – dem kleinen Schwächling zu lange zu nahe zu stehen – ging Kya meist neben ZigZag, am besten zwischen ihm und dem Amerikaner, irgendwie wurden ihm die beiden unterwegs viel sympathischer als sie es in der kleinen Pension waren.
Dank seinem lorischen Hintergrund – wie er es selbst erklärte – besaß Kya einen beinahe hervorragenden Orientierungssinn, wie es sich erwies. Dazu konnte man schnell feststellen, dass der Junge ein Instinkt für essbare Pflanzen hatte, ob als Zutat, Gewürz, zum Tee oder Medizin, pflückte und sammelte er hier und da Blätter, Wurzeln, Samen, trockene Früchte oder manchmal kleine Ästchen, die er dann entweder in einer seiner zahlreichen Hosentaschen oder die größeren Teile in seinem Rücksack weiter trug. Er war auch voll beladen, denn neben seinen Hosentaschen und seinem Rücksack schleppte er immer und überall seine Kelasch mit, die er nur manchmal zum Essen absetzte und dazu noch einen schwarzen Kasten, ähnlich wie der einer Violine, nur weniger breit und länger. Das alles sollte ihn eigentlich zu einem perfekten Weggefährten machen wenn es bloß nicht für sein Gemüt gewesen wäre, denn dieser Bakhtyarsohn Kyanousch war alles andere als berechenbar. An manchen Tagen war Kya ein Kamerad wie nur gewünscht: hilfsbereit, frohsinnig, humorvoll, gesprächig, gehorsam, verständnisvoll, feinfühlig und locker im Umgang, dann war kaum eine einzige Nacht vergangen wandelte sich der Kleine in ein ganz anderes Wesen: distanziert, ständig genervt, besserwisserisch, leicht rebellisch, verbittert, egoistisch. Nur hatten sie Glück, dass er nie aggressiv und gewalttätig wurde. Dazu wurden aber die Gedanken an Flucht immer ferner.
Der Tankstellentour neigte endlich seinem Ende zu, als von der Ferne ein kleines Kaff zu erkennen war. Ob sie da was finden wurden oder nicht, konnte man nie wissen, man mochte auch da den Feind finden oder paar Monster. Kya hatte sogar mal gehört, dass es in manchen Orten noch was wie eine Militär gab, doch er hielt es viel mehr für die Mythen der Neuzeit, die man bekanntlich immer brachte. Als sie endlich angekommen waren, kundigte der Anführer dieser Truppe in allem Stolz den Namen des Ortes an... oder war es mindestens so gemeint, als er dann erst mal eine Runde lachen musste, bis er weiter sprach. Kyanousch hob ein Augenbraue, er hatte rein gar nichts verstanden und war dabei fast sicher, dass es nicht nur an dem Lachen des Amerikaners lag. Nun trat er hervor und stand vor dem Schild, sein anders Augenbraue wanderte auch auf dieselben Höhe. Ein paar Sekunden gab er sich Mühe, was man daran erkannte, dass seine Lippen, offen, versuchten, sich zu irgendeiner Form zu bewegen, doch nicht wirklich erfolgreich. Endlich gab er nach, drehte sich zu den anderen um und fragte gestört, „Wie spricht man der dämliche Scheiß überhaupt?“
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