Rion erschauderte es. Er war nicht der Typ, der einfach mit fremden Männern mitging. Noch ein Mal kamen ihm ziemlich wirr und unerklärbar die Tränen und er schluchzte in den Kragen seines Pullovers hinein. Wischte sich dann die Tränchen wieder ab, schluckte und stierte die Tür an, durch die Jules verschwunden war.
Mutter, was würdest du von mir halten, wenn du wüsstest, dass ich einfach so Männern folge, die ich kaum kenne? Kaum kenne ich seinen Namen, noch, was für ein Mensch es ist - und es ist absehbar, wenn ich ihm hinterherschreite, so wird genau das geschehen, was ich denke. Es ist dreckig, es ist widerlich, sich so sehr danach zu sehnen, nicht?
Der Mond war nun in seiner vollen Pracht aufgegangen. Es war Vollmond. Und er schien auf die leeren, zerstören Häuser des Dorfes hernieder, hüllte alles in seinen prachtvollen, kalten Glanz. Keine Wolken, nur unendliche Kälte umhüllte ihn. Es fröstelte ihn. Sein dünner Leib bebte. Der Brite erhob sich, torkelte fast schon trunken hinein in das Nebengebäude, das dunkel und leer schien. Vor der Tür blieb er stehen. Schloss die Augen, atmete tief durch. Er fühlte sich so einsam, so unendlich einsam und leer. Er konnte nicht anders, die Tränen wollten nicht aufhören, er wollte schon wieder weinen. Schluchzend betrat er den Raum. Es schien eine Art Scheune zu sein. Unbenutzt, es roch nicht nach Tier. Heu war dort aufgebahrt, überall. Die fahlen Strahlen des Mondes erhellten den Raum kaum. Rion liess sich nieder. Auf einem Platz, der noch halb beschienen war, in dem er sich halb sicher, halb wohl, halb im Schatten fühlte. Aus einem der zerschlagenen Fenster konnte er nach draußen blicken und die Sterne sehen. Da hörte er ihn. Der Blonde kroch wohl zu ihm. Rions Brust bebte. Was tat er hier nur? Ihm war kalt und heiss zugleich. Er wusste ja, warum er hier war und was geschehen würde. Und er war unendlich aufgeregt. Er würde doch nie im Leben in dieser Situation einen hochkriegen. Scheisse, scheisse!
Vor langer Zeit, als er das erste Mal verliebt war, da wollte er unbedingt vermeiden, angefasst zu werden. So unendlich dreckig fühlte er sich, nicht wert, richtig geliebt zu werden. Der Dreck würde niemals mehr von ihm gehen, er würde niemals mehr reingewaschen werden. Jetzt war es noch schlimmer. Jetzt war er selbst dieser Dreck. Hinabgestiegen in den Morast der Sünde lag er nun da, gebettet auf Heu und der Blonde bückte sich über ihn. Und Rion heulte einfach nur wie ein blödes, kleines Kind. Und gleichzeitig stieg die Hitze in ihm hoch. Er konnte es gar nicht verhindern. Seit einiger Zeit konnte er nicht mehr so klar denken, irgendetwas in ihm schien die Kontrolle über ihn zu übernehmen. Aber es war nicht nur pure, dumme Geilheit. Rion sah dem Blonden in die schönen, klaren, blauen Augen, beleuchtet vom Mondschein, der sich spiegelte wie Funken, strahlend und hell. Sehnsucht. Einsamkeit.
Gott im Himmel, vergib mir.
Er streckte die Arme nach ihm aus, zog den Fremden zu sich. Und küsste ihn. Ihre Lippen trafen sich für einen Moment. Und es war kurz. Und scheu. Und Rion wich auch gleich wieder zurück. Was tat er hier? Er wusste es nicht. Dieser Kerl hier, sich über ihn beugend, würde vermutlich bald verrecken, so wie die anderen Fliegen, die zertreten und zermatscht am Boden ihre Flügel kaum noch rühren konnten. Rion schnaufte. Dann packte er ihn im Nacken und presste ihm erneut die Lippen auf den Mund. Gierig nach Liebe, Zärtlichkeit, Berührung. Er küsste ihn fast schon übermütig, presste ihm seinen Oberkörper entgegen. Schloss die Augen. Dabei hob sich sein Rücken an. Und mit den Schenkeln umklammerte er Jules Becken. Nach einigen Sekunden löste er sich von dem Franzosen, leckte ihm über die Lippen. Durch halb geöffnete Augen sah er ihn an. Sein eigenes Herz schlug wild.
"C'est n'est pas... c'est... ach.. damn... du wirst es bereuen, mich zu ficken.."
Er krallte sich mit den Fingern in die blonden Haare und drückte Jules herunter ins Heu, rollte sich auf ihn und setzte sich auf ihn, sah von oben auf ihn hinab. Auf Rions Gesicht zeichnete sich ein leichtes Lächeln ab. Er zitterte. Er presste seinen Unterleib gegen den des Anderen, keuchte leise auf und liess die Augenlider halb sinken dabei.
"Je préfére blondes.." Bei diesem Satz musste er unweigerlich ein wenig.. kichern.
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