Dienstag, 26. Juli 2011

Kyanousch - Slow Motion

Der Blutgeruch hier in dem Haus wurde langsam unerträglich, er stieg Kya immer schamloser in die Nase. Es wurde dem Jungen langsam schwindelig, doch er blieb auf der Sofa sitzen. Kurz schloss er die Augen, um sich ein wenig auszuruhen, doch sein Kopfkino war bei weitem erschöpfender als das ruhige, stählern stille, stickige Wohnzimmer. Also machte er die Augen wieder auf und starrte die Tüte in seine Hand an. Der Ausdruck in seinen Augen war ganz anders als sonst. Es war nicht wie sonst, wenn er sich ganz anderswo befand. Man konnte sogar meinen, dass er sich zu tief in den Moment gesunken hatte. Zum ersten Mal vielleicht passte sein Gesichtsausdruck der Realität der Geschehen ganz.
Trotzdem bekam er Zigs Erwachen nicht richtig mit. Erst als der stechende Geruch des Erbrechens durch seine Nase bohrte, konnte er sehen, wie sein Dornröschen doch die Augen aufgemacht hatte und ihn liebevoll von sich weg schimpfte. Doch Kyanousch war ruhig, extrem ruhig. Vorsichtig legte er den Joint auf dem kleinen Abstelltisch neben der Sofa, ließ Francis zuerst an Ziggy heran und half dann dem Führer Adrenalins, ZigZag vom Boden zu holen und wieder auf die Sofa zu legen. Er vertraute diesen Leuten noch nicht ganz. Nachts schlief er sogar immer nur halb, damit er schnell aufwachen konnte, sollten sie ihm was antun wollen und er hatte auch für sich noch nicht beschlossen, dass er nun zu diesem kindisch bescheuerten Adrenalin gehörte. Und dennoch tat es tief im Innern weh, zu wissen, dass er nun beiseite stehen und nur zusehen musste, wie Francis mit Ziggy sprach und ihn beruhigte. Zu wissen, dass in dem Moment nur Francis als Freund bezeichnet wurde und er bloß ein verflixter Fremder war, tat irgendwie weh. Er wollte gerne Zig von seinem Kotze holen – da er am nächsten zu ihm saß, er wollte seinen Kopf in den Händen halten, ihn schelmisch angrinsen, zurück fluchen, den Joint anzünden und dem Grünkopf einen innigen Zug schenken. Aber warum sollte er etwas so dämliches wollen? Warum sollte er vortäuschen wollen, als wäre Zig sein Freund, während er ganz gut wusste, dass es nur Francis und Zig gab und keinen anderen?! 'Dämliche Träume, Kyanousch!', sagte er sich selbst und schüttelte gedanklich den Kopf.
Nun erschien wieder die rothaarige Figur und reichte Francis das feuchte Tuch. 'Hatten sie hier Wasser? Das könnte verdammt nützlich werden...', sein Kopf drehte schon wieder automatisch Richtung Überleben. Einen schweigsamen Blick warf er noch den beiden zu, dieses Mal etwas länger, als würde er überprüfen, ob noch was von Noten war, was er machen konnte. Kurz kreuzten sich sein Blick und der von Francis, der wieder sich und die Lage im Griff zu haben schien.
Kya sah ruhig aus aber viel mehr sah er plötzlich reif aus, reif und alt, viel älter als ein 17 jähriger Teenie. Nun ging er zu dem Abstelltisch, holte die Tüte, zündete diese an, ließ die rauchende Tüte wortlos in Francis' Hand und ging zu einem Fenster. Es stank in diesem Wohnzimmer einfach zu sehr. Also öffnete er dieses und Blickte kurz in die Nacht. Eine unheimliche Reife strahlte in seinen Augen, eine vielleicht beängstigende Reife sogar. Er schien wie ein Wanderer, der alle Nächte dieser Erde durchgewandert war, um heute hier zu sein. Das Fenster schloss er nun wieder, bevor es in dem Haus zu kalt wurde. Am Fenster ließ er sich dann nieder.
Dieser Bastarde Jules und Rion waren fort, musste er merken. Doch er war zu müde, um irgendwelche gedankliche Reaktion darauf zu haben. Er hatte zu viel Blut verloren, um immer noch energetisch in die Gegend zu laufen und diesen Briten darüber zu predigen, was es hieß, einer Gruppe anzugehören; eine Gruppe, der er selber angeblich noch nicht wirklich gehörte.
Das blutige Uniformhemd zog er aus. Auch wenn die Nächte kalt waren, wollte er keinen verfluchten Soldatenscheiß anhaben. Die Kelasch umklammernd legte er sich dann hin und schloss die Augen, er war müde; müde vom Wegrennen, müde von Soldaten, müde vom Töten.

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