Sonntag, 11. Dezember 2011

Jules - Lucien

Vom Frühstück wäre ihm ohnehin nur schlecht geworden. Jules flüsterte Rion etwas ins Ohr, erhob sich dann und verliess auf wackeligen Beinen das Haus. Da ohnehin keiner auf ihn achtete, fühlte er sich unbeobachtet als er die Strasse entlangschlich. Es roch nach Blut. Bereits nach wenigen hundert Metern erreichte er den Schauplatz des Massakers, das erst vor einigen Stunden statt gefunden hatte. Sofort stieg die Übelkeit in ihm hoch und als er vor seinem toten Bruder stand, dessen Gehirn auf dem staubigen Boden eingetrocknet war, musste Jules würgen, schluckte aber schwer um sich nicht zu übergeben. Langsam ging er auf die Knie und während er der Leiche ins schmerzverzerrte Gesicht starrte, füllten seine Augen sich mit Tränen. Das Bild seines ermordeten älteren Bruders Lucien verschwamm, ertrank in salziger Flüssigkeit und wurde langsam ersetzt durch Erinnerungen an vergangene Tage. Doch so gerne sich Jules eingeredet hätte, sein Bruder wäre zu Lebzeiten liebevoll zu ihm gewesen, wusste er dennoch, dass der Kerl ein mieses Arschloch gewesen war, der ihn täglich schikaniert und geschlagen hatte. Lucien hatte seinen kleinen Bruder stets für seine empfindsame Seele und seine sanfte Art verachtet und als er ihn das erste Mal dabei erwischte wie er einen anderen Jungen küsste, hatte er Jules für seine widerlichen Neigungen so windelweich geprügelt, dass dieser erst zwei Tage später im Krankenhaus wieder zu sich kam.

Der Blonde hielt die Leiche seines Bruders nun im Arm, die Tränen rannen ihm das Gesicht hinab, doch er gab kein Geräusch von sich. Schweigend stemmte er sich hoch und hievte den schweren, toten Körper vom Boden und lud ihn sich mühsam auf den Rücken. Ächzend und schnaufend schleppte er die Leiche mit dem aufgeplatzten Schädel die Strasse entlang, bis er ein grösseres Haus erreichte, hinter dem sich ein Garten befand. Jules warf den Toten dort ins verdorrte Gras, wischte sich mit dem Handrücken den Schweiss von der Stirn und lief dann zum Geräteschuppen, der auf dem Grundstück stand hinüber. Das Schloss war aufgebrochen, doch er fand darin, was er benötigte. Während er ein Grab für seinen Bruder, der ihn nie geliebt hatte aushob, summte er französische Kinderlieder vor sich her.

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