Donnerstag, 30. Juni 2011

Francis - Responsibility

Wie Matsch. Oder Moor. Ja, es war.. wie in weichem, schlammigen Boden zu versinken. Man versucht verzweifelt, einen Schritt zu tun, sich zu rühren, sich heraus zu kämpfen und je mehr man sich abmüht, desto schneller versinkt man. Und ehe man sich versieht hat man sich mit seinem Schicksal abgefunden, fängt beinahe an, die feuchte, kalte Erde, die einen so gierig umarmt zu mögen und man gewöhnt sich daran, lässt sich gern zurückfallen und versinkt immer weiter in der stinkenden, fauligen Masse. In Francis' Welt gab es nichts mehr ausser seiner Hand, die die seines besten Freundes hielt und irgendwie versanken sie gemeinsam im Moor und das widerum erschien dem Amerikaner sehr tröstlich.

Ob das nun eine Heldentat war, wie sie teilweise todesmutige Kinder vollbringen, die ihre ins Eis eingebrochenen Spielkameraden selbstlos aus dem lebensvernichtend kaltem Wasser ziehen während erwachsene Menschen fassungslos und starr vor Angst am Ufer stehen und nur gaffen, oder ob es ein letzter Verzweifungsakt war, kam die Hand, die Francis' am Arm packte und unsanft davon zerrte ziemlich überraschend. Ausgerechnet der blasse, kleine Brite hatte ihn aus dem Haus gezerrt und ihn gegen die Aussenwand gedrückt. Seine ernsten, melancholisch braunen Augen starrten wutentbrannt aus dem bleichen, zerschlagenen Gesicht auf einen ziemlich verwirrten Francis, der sicherlich noch Matsch an den Schuhen und Hosenbeinen hatte. Worte prasselten auf ihn ein und Rion schüttelte ihn, schniefte und schnaubte und legte schliesslich seinen Kopf erschöpft an Francis' Brust. Da kam es ihm auf einmal vor, als steckte der Jüngere ebenfalls im Moor und nur noch sein Kopf schaute heraus. Das genügte aber, denn solange er den Mund aufmachen und sich beschwerden konnte, war er noch nicht tot. Behutsam legte Francis einen Arm um den schmächtigen Körper des anderen und stiess einen tiefen, erlösenden Seufzer aus. "Ja .. wir sind alle am Leben. Da gibt's nichts zu heulen. Das is' 'n Grund zum Feiern." murmelte er und liess dabei die Hand an Rions Rücken über den Nacken nach oben gleiten um ihm über das Haar zu streicheln, wobei er deutlich spüren konnte, wie der Jüngere erschauderte. "Du hast Recht. Ich hab' gesagt, wir schaffen's und jetzt liegt's an mir, das Versprechen zu halten." sagte er nun etwas lauter und durchaus heiterer. Mit dem Zeigefinger hob er Rions Kinn an und grinste ihm frech ins Gesicht: "Wusste garnicht, dass du so zäh bist und so kämpfen kannst, Ryan!" Wie immer verhunzte und veramerikanisierte er dabei den Namen des Briten, weil er genau wusste, wie dieser sich darüber aufregte. Ohne ihm allerdings wirklich Zeit zu geben, sich zu ärgern schob er den Jungen vor sich her und zurück durch die Tür ins Haus hinein.

Kya sass bereits neben Zig Zag in Startposition mit einem frisch gedrehten Kraut-Ungetüm-Joint-Dings und hatte seine eigenen Wunden offenbar mit Spucke und noch mehr Pflanzenzeugs versorgt. Das rothaarige Wesen in dem rosa Kleid von vorhin stand etwas teilnahmslos an einer Wand. Allerdings war der blonde Franzose noch viel abwesender und vermutlich ohnehin nicht mehr zu retten, so verloren wie der in der Ecke sass und still vor sich hinheulte. Francis verfluchte einen kurzen Moment lang sein eigenartiges, naturgegebenes Mitleid, das er aber auch wirklich jedem gegenüber zwanghaft empfinden musste.

Sie Szene wurde durch Zig Zag selbst abgerundet, der irgendwie den schwach leuchtenden Kern der Versammlung verkörperte, war er doch der Grund, dass alle Anwesenden noch lebten. Plötzlich ertönte ein markerschütternder Schrei, dass es klang als würde die Welt (erneut) untergehen. Zig Zag hatte zuerst den Mund, dann die Augen geöffnet, panisch herumgebrüllt und reiherte nun hemmungslos neben das Sofa auf den Boden. Francis reagierte zu spät und musste daher nun seinen besten Freund aus dessen Kotze fischen. Er kniete neben Zig Zag, hatte liebevoll einen Arm unter seinen Kopf geschoben und ihn mit dem anderen an sich heran gezerrt. "Mann.. Alter.. erschreck mich nich' so.." flüsterte er und strich dem anderen die verklebten Haare aus dem Gesicht. Dass das Ravioli-Magensäure-Gemisch, das sich direkt neben ihm in den Teppich frass, stank wie die Pest störte ihn im Augenblick nicht und auch Zig Zags erschöpftes, krampfartiges Gezappel liess er über sich ergehen. Mit einem Ruck hievte er den Verletzten auf das Sofa zurück und brachte ihn in eine halb sitzende Position wobei er tatkräftige Unterstützung von Kya bekam, der ein wenig unruhig wirkte.

Mit einem Arm und dem eigenen Oberkörper stützte er seinen besten Freund und redete auf ihn ein: "Willkommen zurück.. du hast echt 'n Knall aber du hast's geschafft.. echt, das war voll krass.. mach so 'ne Scheisse nich' noch mal.. kann ja wohl echt nich' wahr sein, dass hir dauernd einer halb abkratzt..". Schliesslich rang er sich ein schiefes Grinsen ab. Irgendeine Hand - sie gehörte vermutlich dem Rotschopf - kam über die Sofalehne geschwebt und reichte Francis ein nasses Tuch mit dem dieser Zig Zag liebevoll den Mund und das Gesicht abwischte. "Du musst wieder fit werden.. wir wollen ne Party schmeissen.. und du bist der catering service." Francis hatte wieder irgendetwas klebriges am Schuh. Das war allerdings diesmal nicht der Matsch aus dem Moor sondern lediglich die Kotze seines besten Freundes. Und das störte ihn herzlich wenig.

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