Mittwoch, 2. Februar 2011

Francis - Die Sonne scheint nicht in Achkarren-Kreuzmatten

Schon komisch. Francis hätte sich niemals träumen lassen, dass er einmal so glücklich darüber sein würde, irgendwo in der Pampa in einem winzigen Dörfchen herumzugurken. Aber alles war besser als endloses Ödland mit Ruinen und Trümmerhaufen durchzogen. Es fröstelte ihn. Ein grauer Schleier hatte die die Sonne vor einigen Kilometern verschluckt und wollte sie einfach nicht mehr herausrücken. Ganz so, als würde diesem Örtchen strahlender Sonnenschein nicht stehen. Gedankenverloren starrte Francis immer noch in den milchig-trüben Himmel als Rion bereits vorangegangen und beinahe aus dem Sichtfeld der anderen verschwunden war. "Hey! Lauf nicht zu weit weg!" rief Francis ihm halbherzig hinterher. Der Kleine konnte sehr gut auf sich selbst aufpassen und wurde ohnehin nur zickig, wenn man ihn bevormundete. Trotzdem war dem Amerikaner nicht ganz wohl dabei, seine Schäfchen nicht alle beieinander zu haben. "Ok, Jungs. Augen auf. Wir nehmen alles mit, was wir gebrauchen können." Damit hatte er die Jagd nach Schätzen eröffnet.

Alle achteten darauf, sich nicht zu weit voneinander zu entfernen, aber die landschaftliche Abwechslung war für jeden einzelnen so erlösend, dass sie nicht aneinander kleben, sondern ein bisschen in ihren eigenen Gedanken versunken herumstreunen wollten. Zwischen der kleinen Gaststätte in der sie Kya aufgegabelt hatten und Achkarren-Kreuzmatten hatte es so gut wie keine intakten Gebäude gegeben und sie waren gezwungen gewesen zusammen zu bleiben um sich gegenseitig irgendwie Schutz bieten zu können. Gerade mal zum Scheissen hatte man mal einen Moment Ruhe. So gern Francis seine Jungs hatte, war er doch heilfroh, endlich etwas Abstand zu bekommen. Aus der breiigen Masse, der Überlebenseinheit, zu der sie während längeren Wegstrecken verschmelzen mussten, lösten sich vier völlig unterschiedliche Persönlichkeiten und wollten kurz ihre Freiheit geniessen, um nicht zu vergessen, dass sie einst auch ohne die anderen drei Mitstreiter existiert hatten.

Es knarzte unter Francis' Füssen, als er ein Haus betrat, dessen Eingangstür zu Trümmern geschlagen worden war. Innen herrschte Chaos und es sah nicht so aus, als liesse sich hier noch viel holen. Wut stieg ihm in den Bauch und er knirschte geräuschvoll mit den Zähnen. So sehr hatte er gehofft, in diesem Kaff etwas finden zu können und nun sah es so aus, als wäre ihnen jemand oder etwas zuvor gekommen. So leicht durfte er sich aber nicht entmutigen lassen, schliessich hatte er doch gerade mal ein Haus gesehen. Sicherlich hatten die anderen mehr Glück. Während er nach der Küche suchte, träumte er schon von köstlichem Dosenobst in fröhlich bunten Farben und so saftig und süss, dass man die Vitamine, die den Körper reparierten förmlich spüren konnte. Der Gedanke stimmte ihn wieder etwas fröhlicher und so hielt seine Enttäuschung sich in Grenzen, als die traurig von der Wand hängenden Küchenschränke nur gähnende Leere, Dreck und Krümel offenbarten. Oh, und ein völlig verschimmeltes Laib Brot, das aussah als wäre es im Begriff, sich in eine neuartige Lebensform zu verwandeln. Irgh! Nach Minuten, in denen er sich ernsthaft gefragt hatte, ob man es nicht doch irgendwie essen könne, riss er sich von dem faszinierenden Anblick los und stapfte durch die Diele nach draussen.

Er stand bereits in der Tür, als hinter ihm etwas knarzte. Ruckartig drehte er sich um und zog noch in der Drehung seine Pistole aus dem Halfter. Die weit aufgerissenen Augen starrten hochkonzentriert die Lärmquelle an. "Ein Kind??" entfuhr es ihm, doch noch bevor er seine Waffe senken konnte, war der schmutzige, verängstigte Junge von vielleicht 12 Jahren, der plötzlich aus dem Nichts aufgetaucht war, durch das Wohnzimmerfenster geschlüpft.

"Hey, hey! Warte!" rief Francis dem Kleinen hinterher, stürmte allerdings aus der Tür und lief um das Haus herum. Sich durch den engen Fensterspalt zu zwängen war ihm glücklicherweise nicht in den Sinn gekommen. Obwohl der Amerikaner wirklich aussergewöhnlich schnell rennen konnte, schaffte er es nicht, den Jungen einzuholen, da dieser den kleinen Vorsprung wohl ausgenutzt hatte um in einer Seitengasse zu verschwinden. Ein wenig ausser Atmen warf Francis den Kopf hin und her, in der Hoffnung einen Hinweis darauf zu entdecken, wo der Kleine sich wohl versteckt hielt. Sicherlich hatte er ihn mit seiner Knarre ziemlich verschreckt. ".. shit .." fluchte er leise und kickte frustriert gegen einen Stein, wobei der Staub kniehoch aufwirbelte und seine Hosenbeine grau marmorierte.

Plötzlich vernahm er von links ein Geräusch, eine Art Aufseufzen. Ohne zu überlegen sprintete er los, wurde allerdings abrupt ausgebremst. Er starrte in den Lauf eines Maschinengewehres. Seine Nebennieren jagten ihm einen Cocktail aus Adrenalin, Noradrenalin und Dopamin durch den Blutkreislauf, sein Herz hämmerte aggressiv gegen den Brustkorb, Schweiss trat ihm auf die Stirn und er hatte vergessen, beim Schnaufen den Mund zu zu machen. Hinter dem breitschultrigen Soldaten, der ihn bedrohte trat schüchtern und vor Angst zitternd der Junge hervor, den Francis eben verfolgt hatte. Gedämpft drang die fremde, kratzige Stimme des Mannes an Francis' Ohr: "Ich weiss, dass du nicht allein bist. Meine Freunde haben deine Freunde im Visir. Mach keinen Stress, wir haben da nämlich auch keinen Bock drauf." Da der Amerikaner kein Wort verstanden hatte, schrie der Kerl ihn an: "Kein Deutsch?? Nein??" und wiederholte das eben gesagte nochmal in gebrochenem Englisch. Mit der freien Hand hatte der Soldat den Jungen am Kragen gepackt, der ängstlich aufquiekte. "Waffen auf den Boden!" schrie der Kerl nun und Francis folgte, warf seine Pistole, die zwei Kampfmesser und den Elektroschocker, den er neulich erst gefunden hatte dem anderen hin, der das Zeug gleich mit dem Fuss weiter aus Francis' Reichweite schob. "Hier gehört alles uns, kapiert? Also lasst brav eure Sachen hier und keiner muss sterben." Der Soldat musste Franzose oder so etwas sein, da sein Englisch nur schwer verständlich war, doch reichte es aus, um einfache Befehle zu erteilen.

"Ach.." grinste der Kerl dann und leckte sich über die Lippen. "Wäre aber nett, wenn ihr uns noch einige Stunden Gesellschaft leisten könntet. Wir kriegen hier so selten Besuch." Francis wurde speiübel, weil er eine ziemlich genaue Vorstellung davon hatte, welche Art von Gesellschaft die fremden Soldaten bevorzugten. Er fragte sich, ob der Kerl wohl die Wahrheit gesprochen hatte und Zig Zag, Rion und Kya damit auch in Gefahr waren.

2 Kommentare:

  1. Er lügt übrigens nicht :) .. Zig Zag und Kya werden tatsächlich von zwei Kerlen mit Gewehren beobachtet und die zielen bereits auf sie ..

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