Freitag, 17. Dezember 2010

Francis - Stark sein

Wunderbar! Die Situation war ganz nach Francis' Vorstellungen ausgegangen und alles verlief nach Plan. Dass das Ganze auch anders hätte enden können kam dem Amerikaner ohnehin nicht in den Sinn. Während also Zig Zag seinen Charme hatte spielen lassen und den aggressiven Jungen um den kleinen Finger gewickelt hatte, blieben er und Rion allein in der Leichenhalle stehen. Ein Moment unangenehmen Schweigens machte sich breit und Francis wusste auch nicht, was er denn kommunikatives sagen sollte. Stattdessen glotzte er also den jungen Briten unbedarft aus seinen treudoofbraunen Augen an und wartete, bis der andere aus seiner Trance erwachte. Dass er sich vorhin übergeben hatte, war Francis verständlicherweise entgangen, da er zu dem Zeitpunkt noch nicht ganz bei Besinnung gewesen war, wohl aber fiel ihm auf, dass der Kleine noch blasser und zerbrechlicher wirkte als sonst. Eben als er ihm schon eine Hand auf die Schulter legen wollte, um ihn wieder zu sich zurück zu holen, schreckte er plötzlich aus seinem Wachkoma hoch und war Feuer und Flamme dafür, ein bisschen Krankenschwester zu spielen. Das brachte auch die Erinnerung an die Verletzung zurück und Francis musste schmerzlich feststellen, dass gebrochene Rippen doch verflucht wehtaten. Ein wenig geknickt schlurfte er dem verwirrten Briten hinterher, als dieser ihn einfach stehen liess. Zwar freute er sich immer noch über den Gruppenzuwachs und sein Magen schlug beim Gedanken an Abendessen Purzelbäume, doch das fanatische Grinsen war ihm vergangen.

Das düstere Schlafzimmerchen erfüllte seinen Zweck und die Matratze war vielleicht staubig, aber immerhin nicht verschimmelt und es standen auch keine Federn sichtbar hervor. Sogar eine Bettdecke und ein grosses, graublaues Kissen waren vorhanden! Quasi schon Luxus. Nachdenklich beobachtete er Rion, der am Boden kauerte und in einem der Rucksäcke wühlte. Der Junge war schrecklich mager, man konnte ab ihm die menschliche Anatomie in seiner herrlichen Vollendung studieren. So wie der Kleine da hockte und von den dunklen, schmutzigen Wänden beinahe verschluckt wurde sah er so mitleiderregend, so klein und schutzbedürftig aus, dass es Francis das Herz zusammenzog.

Um sich dem Anblick zu entziehen, liess er sich auf das Bett plumpsen und begann äusserst umständlich seinen Pullover auszuziehen, womit er Rion offenbar einen ordentlichen Schreck versetzte. Der Kleine war ja so schrecklich schüchtern und ziemlich leicht zu verwirren. Brav hob Francis die Arme, wobei er ein ekliges Ziehen im Brustkorb verspürte, doch er biss die Zähne zusammen und liess sich verarzten. Der Verband hätte sicherlich noch etwas enger anliegen können, doch wusste er die Mühe des Briten wirklich zu schätzen und beschwerte sich daher nicht. Mitten in der Behandlung erstarrte der Junge jedoch und fing an, fürchterlich zu zittern. Francis riss erschrocken die Augen weit auf und packte vielleicht etwas zu heftig Rions Hände, die dieser so entgeistert anstarrte. "Hey! Rion! Bleib bei mir! Bitte!" flehte er und streichelte ganz verzweifelt seine zarten kleinen Hände. Es tat weh, den anderen so zu sehen. In solchen Momenten wurde ihm bewusst, wie bescheuert es war, zu glauben er könne hier irgendjemanden retten. Die Wunden des Jungen waren so tief, dass Francis niemals die Bruchstücke seiner empfindsamen, zerschundenen Seele je wieder würde zusammen setzen können. "Sag mir, was du brauchst.. willst du schreien? Weinen? Oder schlag mich, wenn du willst! Schau mich an.." redete er weiter auf ihn ein und gab sich redlich Mühe, den sonst so ruhigen Ton in seiner Stimme zu bewahren. Er musste sich jetzt zusammenreissen und dem anderen beistehen, bis der sich wieder fing. Immer noch hielt er seine Hände umklammert.

Ok, Schluss jetzt! Der Junge hyperventilierte fleissig weiter und mitleidige Gedanken allein würde ihm kaum weiterhelfen. Gegen dieses viel zu schnelle ein- und ausatmen half ja angeblich, die eigene Atemluft wieder einzusaugen. Francis fiel nichts besseres ein, als Rion die Hand über Mund un Nase zu legen, so dass dieser gezwungen war die ausgehauchte Luft wieder zurück in seine Lungen zu befördern. Der Lockenkopf war überrascht, wie schnell diese Methode Wirkung zeigte und nahm die Hand vorsichtig von Rions Gesicht, als der wieder etwas ruhiger atmete. Dennoch war Francis noch nicht davon überzeugt, dass es dem anderen jetzt wirklich gut ging, weshalb er kurzerhand vom Bett aufstand und den Jungen in eine liegende Position drückte. Dann fingerte er ein zerdrücktes Softpack Luckies aus seiner Gesässtasche, klemmte sich eine Kippe zwischen die Lippen und zündete sie sich an. Nach einem kräftigen Zug, der seine Lungen mit Gift füllte nahm er die Zigarette, beugte sich über Rion und steckte sie ihm in den Mund. "Zieh dran. Beruhigt." Die Kompressionsbinde hatte sich indessen von seinem Oberkörper gelöst und lag abgewickelt am Boden wie eine abgestreifte Schlangenhaut.

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