Dienstag, 15. März 2011

Francis - My Hero

Gewalt gegen Schwächere gehörte definitiv zu den Dingen, die Francis nicht ausstehen konnte. Was war so befriedigend daran, jemanden zu schlagen, der sich ohnehin nicht wehren konnte, jemanden zu treten, der bereits zerbrochen am Boden lag. Die Wut hatte ihn gepackt, als der fremde Soldat, der ihn bedrohte auf das zitternde Kind losgegangen war. Wo genau der Junge eigentlich hergekommen war, wusste Francis immer noch nicht. Der Franzose hatte den Kleinen am Kragen gepackt, doch dieser begann zu jammern und versuchte, sich aus dem eisernen Griff zu winden. Da der Franzose sich auf den Amerikaner konzentrieren wollte, der es gewagt hatte sein Territorium mit seiner Anwesenheit zu verpesten, nervte ihn der zappelnde Junge ungemein und er schleuderte ihn kurzerhand mit einem derartigen Ruck zu Boden, dass er ihm damit den Arm hätte ausreissen können. Als daraufhin das leise Wimmern in ein kurzes Aufheulen ausartete und schliesslich in klagendes, lautstarkes Schluchzen überging verpasste der Soldat dem Kind einen heftigen Tritt in den Magen. Der Kleine kotzte auf den Boden und blieb kurz regungslos liegen.

Francis schäumte vor Wut, seine Organe brannten und aus seinen Augen quollen pure Verachtung und Abscheu hervor. Ohne nachzudenken rannte er auf das Arschloch los und überraschte ihn mit dieser überstürzten Aktion. Der Franzose, der sichtlich stolz aus seine eigene Grausamkeit war und genüsslich das Resultat der Misshandlung an dem am Boden liegenden Kind betrachtete, hatte schlichtweg nicht mit so viel Dummheit gerechnet und kassierte so einen harten Tritt gegen die linke Hüfte, der ihn taumeln liess. Dummerweise reagierte er schnell genug, riss seine Wafe hoch und jagte Francis eine Kugel durch die linke Schulter. Dieser schrie auf und stolperte einige Schritte rückwärts, hielt sich den verletzten Arm und dunkles Blut störmte ihm in Sturzbächen über die Hand.

Immer wenn man meint, seine Situation könne garnicht mehr schlimmer werden, findet es das Schicksal extrem witzig, einem das Gegenteil zu beweisen. Das einzige, was die Lage, in der Francis sich befand noch prekärer machen konnte traf natürlich prompt ein, als irgendein weiterer muskulöser Franzose Rion anschleppte. Der arme Junge sah mehr tot als lebendig aus. Der Mistkerl, der ihn an den Haaren gepackt hielt hatte den Briten übel zugerichtet, ihm vielleicht sogar seine hübsche, stolze Nase gebrochen und der Kleine sah aus als hätte er sich mehrmals übergeben und als hielte ihn nur die Übelkeit bei Bewusstsein. Neben ihm kniete ein rothaariges Mädchen (?) in einem verpielten rosa Kleidchen und erbrach sich gerade erbärmlich. Francis wäre am liebsten zu Rion gerannt, hätte dem Kerl, der ihm das angetan hatte eigenhändig das Gesicht bis zur unkenntlichkeit eingeschlagen und verbeult bis nur noch ein Klumpen blutiges Fleisch übrig gewesen wäre, doch es genügte bereits zu Rion hinüber zu sehen und der Franzose, der Francis weiterhin im Visier hatte, feuerte einen Warnschuss ab. Die Kugel pfiff haarscharf an seinem Kopf vorbei und schon hatte der Soldat wieder die volle Aufmerksamkeit des Amerikaners sicher.

Was sich dann abspielte war so irreal, dass Francis bis heute krampfhaft und vergeblich versucht, die Einzelheiten in eine sinnvolle Reihenfolge zu bringen. Die Bilder von seinem besten Freund, der wie ein wildes, tollwütiges Tier den drei fremden Männern die Köpfe einschlägt, ihnen die Hälse zerfleischt und die mit blossen Händen umbringt wird er wohl nie wieder aus seinem Kopf bekommen. Viel zu viel Blut und Hirnmasse und ohrenbetäubende Schreie und Todeskrämpfe. Trotz alledem wusste Francis, weshalb Zig Zag so gehandelt hatte und als sein Freund ihm in die Arme fiel wusste der, dass seine einzige Aufgabe jetzt war, ihn zu retten. Zig Zag hatte seine Freunde beschützt, für sie gekämpft und jetzt mussten sie verdammt nochmal für ihn da sein. Sanfte redete er auf ihm sein, versprach ihm in seiner Verzweiflung sicherlich, dass alles gut werden würde und glaubte dabei selbst sich seine Sekunde daran. Sein bester Freund war im Begriff in seinen Armen zu verbluten. Scheisse nein!! Er würde ihn jetzt nicht sterben lassen!!

Wie im Fieberwahn schleppte er seinen besten Freund, der eigentlich grösser und schwerer war als er selbst zum nächsten Haus. Vor Anstrengung keuchend taumelte er wie in Trance weiter, legte Zig Zag auf der erstbesten weichen Unterlage, in diesem Fall ein Wohnzimmersofa, ab und viel neben ihm auf die Knie. Der Schweiss lief ihm von der Stirn, sein linker Arm war vollkommen blutüberströmt, doch auch der rote Lebenssaft seines besten Freundes hatte sein Hemd durchtränkt. Voller Blut war er und halb wahnsinnig vor Angst, den einzigen Menschen zu verlieren, der ihm nahe genug gestanden hatte, dass er selbst keinen Moment gezögert hätte sein Leben für ihn zu geben. Zitternd griff er nach Zig Zags Hand.

Plötzlich stand da dieses rothaarige Mädchen von eben neben ihm und schob ihn etwas unsanft von dem Verletzten fort. Panik ergriff Francis und er wollte sich auf Zig Zag schmeissen, ihn umklammern und nie wieder los lassen, so übermächtig war seine Verlustangst. Das rothaarige Mädchen jedoch schrie ihn erstaunlich schroff an, er solle sich zusammenreissen und Wasser holen. Wie betäubt erhob sich Francis und lief los um eine Wasserflasche zu besorgen. Irgendwie hatte er das Gefühl, das Mädchen mit den feuerroten Haaren hätte echt Ahnung von Wundversorgung. Völlig aufgelöst stolperte Francis aus dem Haus, fand nach kurzem Suchen seinen Rucksack am Boden und kramte eine Flasche Mineralwasser hervor. Als er wieder vor dem Sofa stand, auf dem sein bester Freund eben noch am verbluten gewesen war, hatte die fremde Rothaarige bereits einen festen Kompressionsverband um Zig Zags Schulter und seinen Brustkorb angelegt. Der Schuss in den Rücken hatte offenbar glücklicherweise nur das Schulterblatt ein wenig lädiert. In seinem Oberschenkel steckte allerdings wohl noch eine Kugel, denn die Rothaarige wühlte gerade mit einer anatomischen Pinzette in der stark blutenden Wunde herum, bis das Geschoss zum Vorschein kam. Dann wurde auch das Bein verbunden. Zig Zag hatte einigermassen aufgehört, zu bluten, das Bewusstsein hatte er jedoch noch nicht wieder erlangt.

Gebannt starrte Francis ihn an, sah ihm beim Atmen zu, beobachtete akribisch genau, wie ein Brustkorb sich hob und senkte. Als das rothaarige Mädchen ihm ebenfalls den Arm verbinden wollte, stiess der Amerikaner sie ein wenig grob beiseite. Keiner durfte ihn jetzt dabei stören seinen besten Freund so lange anzustarren, bis er endlich wach wurde, um zu fragen, was das penetrante Geglotze denn soll. Francis' liefen die Tränen über das Gesicht, aber das hatte er nicht einmal bemerkt. Inzwischen war er völlig ruhig, kniete neben dem Sofa und hielt Zig Zags Hand. Er wollte jetzt einfach nur seine Hand halten.

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