Rions vermeintliches Glück hatte sich in Luft aufgelöst. Er umarmte seinen mageren Körper mit beiden Armen selbst, als würde er frieren.
Da stehend, zwischen Tür und Angel hatte er weder Hunger noch war er wirklich scharf darauf, etwas von diesem widerlichen Mist zu essen, der da auf dem Boden verteilt wie eine magere Version eines Picknicks vor ihm ausgebreitet war.
Er wandt sich ab. Da sass nur noch Francis auf dem Boden und dem konnte er nicht in die Augen sehen.
Ziggy und der kleine Lore hatten den Raum gemeinsam verlassen. Wohl, um ihre Lungen zusätzlich zu dem ganzen nebligen Dunst, der verseucht und dick wie Kartoffelsuppe in der Luft hing, zu verdrecken. Was auch immer sie rauchten. So genau hatte Rion es nicht wissen wollen. Rückwärts, immer noch ins Zimmer hineinstarrend, schritt er davon. Abwesend setzte er schließlich einen Fuss vor den Anderen.
Rion zitterte. Nun wurde ihm wirklich kalt. Die kühle, feuchte Luft pappte sich in klebrigen Perlen auf sein Gesicht. Er rollte die Ärmel nach unten, seine Unterarme waren bereits eiskalt.
Man erkannte nichts mehr, die Wipfel der Bäume und die nahen Berge waren kaum noch Umrisse, wenn überhaupt zu erahnen. Es war, als wäre es plötzlich November und der Winter würde einfallen. Als würden die Jahreszeiten in völliger Willkühr agieren und es gäbe weder Sinn noch Verstand dahinter.
Rion umarmte sich selbst so fest, dass es fast schmerzte. Mit gesenktem Blick lief er weiter, langsam, immer weiter ins Ungewisse hinein. Ganz langsame, vorsichtige Schritte, als war er sich nicht ganz sicher, ob er bleiben oder davonlaufen wollte. Manchmal waren da diese siffigen Gedanken: was hielt ihn eigentlich hier? Welchen Grund hatte er, nicht einfach davonzurennen, sich in die Finsterniss zu strürzen und sich geschlagen zu geben? Warum nur kämpfte er stetig weiter, als würde am Ende dieses langen und beschwerlichen Weges tatsächlich etwas Lobenswertes warten. Doch all die kleinen Siege, die er auf seiner Flucht vor dem allmächtigen Ende errugen hatte, waren doch nur kleine Momente des Glücks, die verrauchten und vergingen und von denen nichts mehr blieb als eine seichte, blasse Erinnerung. In seinem Inneren war er nie wirklich glücklich und würde es auch niemals werden. Also wieso.. Rion hob langsam den Kopf, völlig geistesabesend.. also wieso.. wieso tat er dann nicht den einen entscheidenden Schritt... wenn doch nichts ihn befriedigen konnte und nichts sein Herz mit Wärme erfüllte und all Das nur seichtes Spiel und Dummheit und kein Entkommen vor dem Schmerz war...
Egal was er tat, egal, mit wem er schlief.. irgendetwas fehlte immer. Irgendetwas liess immer dreckige Spuren in seinem Inneren zurück, die sich zu einer unendlich grausamen Leere ausgebreitet hatten...
Die rehbraunen Augen des jungen Briten hatten sein Gegenüber endlich erblickt. Völlig benommen blieb er mitten auf seinem Spaziergang durch den wunderschönen, vernebelten Süden der einstigen Bundesrepublik Deutschland, stehen als ein riesengrosses Tier sich vor ihm aufbaute. Das Fell völlig zerfetzt, die Augen blutrot und tränend und das Maul weit aufgerissen voller unbeschreiblich fleischiger, rot angefärbter, scharfer Reisszähne. Das Tier, einst ein Bär wohlmöglich, schien völlig von Sinnen und brüllte, dass die Erde um sie herum zu beben begann. Sein massiver Leib zuckte und schüttelte sich, er gaffte den Jungen lechzend an; das erste Fleisch seit Wochen.. und das Monstrum stürzte sich auf Rion.
Für einen Moment stand der Junge völlig still. Mit offenen, grossen Kinderaugen sah er den Tod auf sich zukommen. Was wäre.. was wäre... wenn er jetzt einfach hier stehen blieb, wenn er einfach stehen blieb und es geschehen liesse, sich nicht mehr wehrte und nur die Augen schloss und endlich Gott die Führung und die Hand überliss und den ganzen Schmerz und Scheiss einfach losliess und... starb...
.. und als das Wesen aus Fleisch und Hunger seine Pranken nach ihm streckte und ihn schlug, da stach es Rion wie mit tausend Messern ins Herz und er wich aus und gab einen markerschütternden Schrei von sich und schrie und schrie und wollte nicht aufhören zu schreien. Er knallte auf den Boden und schlug sich die Lippe auf und robbte hoch und patschte sich die Hände an den Gürtel und suchte nach seinem Colt, doch der war nicht da, der war nicht da!
Und Rion blickte auf und vor ihm war dieses weit aufgerissene Maul mit den eitrig faulenden, blutigen Zähnen, aus dem der Geruch des Todes herausdrang und er wurde bleich und spürte, wie seine Blase nicht mehr hielt.
Eine ordentliche Portion Rion, etwas schwer verdaulich. XD
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